Literatur · Erzählen

Inhaltsangabe

Der Band „Erzählen“ ist ein doppelbödiges Werk, das sich in den Bereichen von Gnosis, veränderten Zeitebenen/Multiversen und existentieller Selbstvergewisserung bewegt. Das Buch gliedert sich in die selbständig zu lesenden Erzählungen „Anderswelt“ und „Helena/Gnosis“ und entfaltet ein Panorama von Charakteren auf der Suche nach ihrem eigentlichen Selbst.

Die erste Erzählung, „Anderswelt“, beginnt in einer melancholischen Alltagsrealität. Ein namenloser Mann flieht vor der Kälte seiner zerrütteten Ehe und stößt in einem Antiquariat auf alternative Geschichtsabhandlungen und gnostische Schriften. Seine gewohnte Welt bekommt erstmals einen Riss, als er in einer Bar auf den Kneipenphilosophen Koslowski trifft. Koslowski predigt eine radikale Philosophie der Ich-Auflösung, des Loslassens aller Masken und des Aufgehens im Chaos. Als der Erzähler die Bar verlässt, stellt er bestürzt fest, dass sich seine gesamte Umgebung scheinbar physisch verändert hat – der Beginn eines Prozesses, bei dem sich seine Realität Tag für Tag auflöst und neu zusammensetzt.

Auf der Suche nach einer Erklärung dafür stößt er auf eine gnostische Geheimgruppe unter der Leitung eines Mannes namens Rotta. Diese betreibt einen Computer als Veränderungsmaschine, den sogenannten „Sheldrake-Analogisierer“, der die Geschichte an empfindlichen „Knotenpunkten“ verändert, indem er sie neu beschreibt und so das kollektive Gedächtnis manipuliert. Rottas Ziel ist kompromisslos: Er will das allzu bequem eingerichtete System der Welt durch gezielte Krisen, Kriege und Entropie destabilisieren. Durch eine allgemeine, tiefgehende Not sollen die Menschen aus ihrem trägen Exil („Babylon“) aufgerüttelt werden, um sich als Lichtwesen wieder ihrem göttlichen Ursprung zuzuwenden. Ein zentraler Eingriff zielt auf die Spätantike: Die Verschwörer „drehen“ einen fanatischen Verfolger unorthodoxer Glaubensrichtungen um, damit dieser eine dogmatische Kirche gründet, die alle gnostischen Einweihungstraditionen brutal in den Untergrund zwingt. Dadurch biegt sich die gesamte Weltgeschichte um: Das im ursprünglichen Zeitverlauf siegreiche Sassanidenreich geht unter, Byzanz übersteht die Angriffe und eine völlig neue Offenbarungsreligion steigt auf. Die Welt verändert sich in die gewünscht – katastrophale – Richtung. So die Erklärung Rottas für das, was dem Protagonisten zustößt.

Der Erzähler nutzt diese Turbulenzen schließlich wie ein Schwimmer im reißenden Strom. Er navigiert durch die alternativen, ständig wechselnden Welten, um, als neues Ziel, seinen durch Selbstmord verlorenen Bruder in irgend einer der Welten zu finden und zu retten, und erlangt am Ende eine gottähnliche, monadische Freiheit.

Das Motiv der gnostischen Selbsttransformation spiegelt sich in der zweiten Erzählung des Bandes, „Helena/Gnosis“, auf einer psychologisch-greifbaren, urbanen Ebene wider. Der Erzähler – ein einst erfolgreicher Finanzjongleur, der nach dem Platzen einer Spekulationsblase existenziellen Schiffbruch erlitt – ist Besitzer eines baufälliges ehemaliges Speichergebäude im alten Hafengelände und lebt von den Mieteinnahmen dreier Lofts in diesem Haus.

Zwei seiner Mieter sind außergewöhnliche Grenzgänger: der bärige, einsiedlerische Maler, der in Pollocks Manier arbeitet, und die schöne Ellen, die im exklusiven Escort-Gewerbe tätig ist. Ellen begreift ihren Körper und ihre intimen Begegnungen als bewussten Erkenntnisweg und als ständiges Spiel mit den Projektionen der Männer. Nach einer tiefen Lebenskrise Ellens entsteht eine platonisch ausbalancierte Dreiecksfreundschaft zwischen den Bewohnern. Der Maler wird für den Erzähler zu einem spirituellen Mentor und vermittelt ihm das Wesen der Alchemie als eine schmerzhafte De-Programmierung aller Konditionierungen, um die göttliche Essenz des eigentlichen Selbst freizulegen.

Diese fragile Gemeinschaft implodiert jedoch am Ende jäh. Die Polizei stürmt das Atelier des Malers und sucht ihn, als genialen Kunstfälscher, der täuschend echte Pollock-Fälschungen für den internationalen Markt produzierte und nun auf der Flucht ist. Fast zeitgleich verlässt auch Ellen das Haus, um trotz allen Verrats zu ihrem manipulativen „Guru“ zurückzukehren, der sie in ihre Krise gestürzt hatte. Zuvor gesteht sie dem Erzähler in einem Brief, ihn für ein sexualmagisches Ritual zur Bekämpfung ihrer Angst vor dem Altern benutzt zu haben. Zurück bleibt der Erzähler – einsam, doch grundlegend transformiert und geweckt. Er überwindet seine Blockade und beginnt, seine Erfahrungen in einem Roman über einen Alchemisten schöpferisch zu verarbeiten.