Die Novelle „Undine“ schildert die tiefe Lebens- und Identitätskrise eines Architekten, der sich auf eine physische und spirituelle Reise begibt, um seine verloren gegangene Vitalität und schöpferische Kraft wiederzufinden.
Die Krise des Rationalismus
Der Protagonist ist ein erfolgreicher Architekt, dessen Leben jedoch von einer zunehmenden inneren Erstarrung geprägt ist. Er hat sich der „Idee der klaren Linie und der ungestörten Fläche“ verschrieben und empfängt jede Form von emotionaler Regung oder menschlicher Unvollkommenheit als störend. Diese einseitige Ausrichtung auf das Rationale führt zu einer psychischen „Erosion“: In seinen Träumen sieht er sich in einer staubigen Wüste aus Schutt und Schotter, unfähig, eine lebensspendende Quelle zu nutzen. Er erkennt, dass ihm die „Lebendigkeit“ abhandengekommen ist und er sich in einem Zustand der „Austrocknung“ befindet. Um dem abzuhelfen, erschafft er sich im ersten Versuch im Geiste eine eigene „Göttin“ – eine Matrix aus Vitalität, Überfluss und schöpferischer Kraft –, um seine psychische Ganzheit wiederherzustellen. Diese ist für ihn die Göttin der belebenden Wasser.
Die Suche nach den Wurzeln und das Undine-Motiv
Um seinen Zustand des Ausgetrocknet seins im Weiteren zu überwinden, beschließt er, sich eine Auszeit zu nehmen. Er beginnt, einem Familienrätsel nachzugehen: Sein Großonkel, ein Komponist, war zeitlebens an seinem Opus Magnum – einer Oper über das Wasserwesen Undine – gescheitert, sie blieb unvollendet. Dieses Motiv des Wassers und des Wasserwesens berührt den Protagonisten. Er reist zunächst nach Woodstock in den USA, um seine Tante zu besuchen und mehr über den Großonkel zu erfahren. Sie erzählt über ihren Vater, dass dieser zu Lebzeiten von einem Herrn Vanderbilt unterstützt worden war. Jeden Sommer verbrachte dessen Familie samt Hofstaat auf einer Insel in der Karibik, ihr Vater mit eingeschlossen.
Die Begegnung mit der realen Vitalität auf der Insel
Die Reise führt ihn weiter auf die karibische Insel, auf der sein Großonkel einst Inspiration gesucht hatte. Hier prallt seine mitteleuropäische, rationale Welt auf die ungefilterte Energie der Tropen. Die allgegenwärtige Musik, der „Riddim“, und die Hitze wirken zunächst betäubend und desorientierend auf ihn.
In einer Bar begegnet er Yéma, einer schwarzen Frau, in der er die Verkörperung seiner imaginierten Göttin zu erkennen glaubt. Er lässt sich auf eine Beziehung mit ihr ein und taucht tief in das Leben der Insel ein. Seine Träume verändern sich: Die Göttin erscheint ihm nun als machtvolle, dunkle Gestalt, die ihn herausfordert und prüft. Er erlebt Momente höchster Gelöstheit und das Gefühl, „angekommen“ zu sein.
Der Konflikt und die Flucht
Doch die Realität der Insel und die damit verbundene Andersartigkeit beginnen den Protagonisten nach und nach zu verunsichern. Er gerät in einen Sog aus Befremdlichen und Fremdem, dem er sich nicht mehr gewachsen fühlt. Ein Wendepunkt ist der Besuch bei einer Heilerin, einer „Myal“, zu der Yéma ihn führt. Dort soll eine Ziege geopfert werden, um ihm den beruflichen Erfolg zu „fixieren“. Der Architekt kann sich auf dieses blutige Ritual nicht einlassen und zieht sich innerlich zurück; er empfindet es als Grenze, die er nicht überschreiten kann.
Die Skepsis und das Misstrauen gegenüber der fremden Kultur wachsen in ihm. Er fürchtet, sein mühsam konstruiertes „Selbst“ im Chaos des Irrationalen zu verlieren. Yéma erkennt seine innere Abkehr und prophezeit ihm seinen Verrat: Sie wirft ihm vor, aus freiem Willen blind, kalt und allein zu bleiben, obwohl er die Möglichkeit zur Liebe und zum Sehen hätte.
Getrieben von der „Angst vor dem Ertrinken“ in dieser emotionalen Überflutung, entscheidet er sich für die Flucht zurück in seine gewohnte, rationale Welt. Er bricht seine Zelte auf der Insel ab und tritt den Rückflug nach Deutschland an.
Das Ende: Die Rache der Göttin
Während des Nachtfluges hört er im Radio Nachrichten über eine verheerende Weihnachtsflut in Deutschland. Besonders betroffen ist sein eigenes aktuelles Bauprojekt, ein Abgeordnetenhaus am Rhein, das in den Fluten versinkt.
In diesem Moment der Rückkehr wird ihm klar, dass er der Urgewalt, vor der er auf der Insel geflohen ist, nicht entkommen kann. Er begreift die Zerstörung seines Werkes als das Opfer, das die Göttin (oder Undine) von ihm fordert. Er erkennt die Ironie des Schicksals: Sein Großonkel scheiterte an der Darstellung der Undine, er selbst scheitert an der Realität des Wasserelements, das er nicht in seine rationale Ordnung integrieren konnte.
Die Novelle endet mit dem Bild des aufdämmernden Morgens über den Wolken, während der Protagonist zwischen zwei Welten schwebt, gezeichnet von der Gewissheit, dass seine eigene Fantasie ihn in Form einer realen Naturkatastrophe eingeholt hat.