Literatur · Wege. Gedichte

Leseprobe

Natur

Öffne die Augen

Öffne die Augen. Sage:
Von dem, was vor dir liegt, was
berührt dich?

Das Mückenspiel –
Das Blätterspiel –
Das Wolkenspiel –
Die Reihen der geschnittenen
Halme, Wurf um Wurf –
Der gekrümelte Rand des Weges –
Die Deutlichkeit der unscheinbaren Dinge,
sich selbst genug?

Alles, was vor mir liegt –
Alles.

Vor einem Baum

Baum,
gewoben aus Luft und Licht
verfestigt zu
Erde
verwurzelt in ihr:

Dein Sein erweitert mich,
führt mich zum Mittelpunkt,
führt mich zum Umkreis,
erfrischt meine Sinne,
belebt
mein Sinnen.

Slowmotion

Ein welkes Blatt
auf dem Asphalt
treibt vor mir.
Mit stetigen Schritten
hole ich es ein.
Kein Sturmwind
keine Sensation -
unscheinbar.

Nur spröder Zerfall
und helles Braun.
Und staubgrau.

Oktober

Wenn es Zeit ist
löst sich
das Blatt, schwebt
wiegt sich im Wind
landet.

Goldener Tanz
vor Himmelsblau.

Ein Jahr ist vergangen,
eine Runde
beendet.

Herbstfall

Herbst rollt
welke Blätter mir vor
die Füße.
Ich steige darüber hinweg, dann
mittenhinein…

Raschelndes Vergnügen.

Kinderglück
noch immer.

Wie lange schon
gewesen…

Wechsel

Draußen vor meinem Fenster: Wechsel

Fallender Regen
Strich für Strich
Sturm in den Bäumen -
Goldener Wellenschlag…

Herbstwende

Frühlicht

Schneekalt der Wind und
dürr das Blatt,
davongetrieben…

Und doch:
wie morgenfrisch
die Luft… das Licht…

Abend

Am nachtblauen Himmel
entdämmert der Tag.
Still grüßt das Licht noch
am fernsten Horizont-
ins Schweigen sinkt die Welt.

Meine Seele schmiegt sich
den Schatten an,
den Baumkronen,
deren Geheimnis wächst.

Mensch

Hypothese

Wer bin ich…?

Eine Hypothese, geworfen in die Zeit
wie ein Schatten
zurückgenommen, wiedergekommen, ausgetestet
wie ein Schatten oder ein Licht -
durchlässig für neue
Formulierungen.


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