Zum Schreiben gekommen
Das Schreiben hat sich leise eingeschlichen in mein Leben. Wie wohl üblich. Deshalb kann ich nicht sagen: hier ist der Punkt, an dem alles begann, tarää! – Kein Engel kam zu mir und hat befohlen: schreibe! Es war auch kein Überwältigt sein durch eine besondere Initiation da, durch ein Stehen vor einem leuchtenden Ausblick in eine gloriose Zukunft.
Denn eigentlich habe ich schon immer geschrieben – Texte unterschiedlichster Art in den unterschiedlichen Abschnitten meines Lebens. Genauso wie ich gerne gemalt habe, gezeichnet habe, wie ich in einem bestimmten Sommer (aber man nagele mich nicht auf eine Jahreszahl fest) am Klavier meiner Eltern improvisierend komponiert habe, ein aus der Bücherei ausgeliehenes Buch über Regeln der Komposition aufgeschlagen neben mir. Oder als Jugendlicher mit einer altmodischen Schmalspurkamera Radfurchen auf einer Wiese aufgenommen habe, um einen experimentellen Film herzustellen.
Ich drückte mich aus. In den Medien, die ich kannte. Und die Schrift ist ein grundlegendes Medium. In dem ich vor allem eines war: ein Leser. Doch vor dem Leser war ich doch wohl ein Hörer: Ein kleines Kind auf dem Schoß der Mutter oder Großmutter, ein Buch mit Bildern vor sich und eine Stimme im Ohr, die rezitierend den immer gleichen Text wie eine Liturgie vorträgt. Und es muss immer der gleiche Text sein, sonst wäre es nicht richtig, auch weiß ich ihn ja auswendig und könnte korrigieren, wenn sich eine auch nur kleine Abweichung einstellen würde, ein Auslassen oder ein Versprecher. Märchen, Sagen, Mythen – da kamen so wundersame Wörter vor wie Machandelboom oder Bärenhäuter, deren Klang ich nachsann, ohne genau zu wissen, was ich mir darunter vorstellen sollte.
Und später, als Leser, gab es jede Art von Texten, in die man sich vertiefen konnte, ergriffen von dem Einblick in eine Welt, die sich einen Spalt weit auftat, schlug man ein Buch auf. So stöberte ich all zu gerne in einem alten Konversationslexikon von 1895, auch der Bilder wegen, doch vor allem um des Reichtums an Wissen willens, welches dort zusammengetragen war. Ich träumte mich in Geschehnisse, Orte, Personen hinein, manchmal nur dem Reiz eines Wortes folgend, das mir mit Bedeutung und Gewicht aufgeladen schien.
Samarkand – was für ein wunderbarer Ort musste das sein, mit diesem sehnsuchtserzeugenden Silbenklang.
Auch malte ich mir Landkarten, selbsterfundene, mit Ländern, Kontinenten, Flüssen, Seen und Ozeanen, malte darin geschlängelte Linien, Straßen, die durch Wälder und über Gebirgspässen kleine rote Punkte verbanden, die Städte waren, mit lautmalerischen und interessanten Namen beschriftet. Ich war der Erzähler dieser Landschaften und Länder, der Chronist ihrer Geschichte: ihres Aufstiegs und Falls, ihrer Helden und Schurken. Doch mein Erzählen war noch kein Niederschreiben, alles blieb auf die Landkarte beschränkt und in meiner Phantasie.
Und das Schreiben? Schreiben war etwas, was man tat, um jemandem zu gefallen: man schrieb eine Gratulation, einen Dank, eine Begleitzeile zu einem selbstgebastelten Weihnachtsgeschenk. Später jedoch kamen meine ersten Versuche in Lyrik: Gedichte, angeregt durch das, was mich als Leser anzog. So hatte ich in der Pubertät eine tiefblaue Trakl Periode. Und als Student fertigte ich kurze Peter Bichsel Texte, beeindruckt von „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“.
Im Laufe der Jahre wurden die Texte anders, waren eingefügt in meinen beruflichen Werdegang als Architekt: ich schrieb ein Buch über Architektur, verfasste einführende Essays zu Ausstellungen, skizzierte Vortrageskripten. Doch von eigentlichen literarischen Texten hielt ich mich fern. Warum? Ich hatte zu großen Respekt davor. Zu wenig Zeit dafür und vor allem: ich war der Meinung, nur wer etwas zu sagen hatte, solle schreiben. Und was hatte ich schon zu sagen, was über die üblichen privaten Kümmernisse und Lebensereignisse hinausging? Mein Ich zum Weltereignis aufzublähen, das war für mich obszön.
Man könnte sagen, der Entschluss, mich doch in dieses Gebiet zu wagen, verdankt sich einer Mangelerfahrung. Als Architekt, der sich vor allem mit dem Entwurf beschäftigte, hielt ich mich vornehmlich im kreativen Prozess auf, der mir meine Arbeit nicht zur Last, sondern zur Freude machte. Das brach ab. Zurückgeworfen auf mich selbst, schien das Schreiben mir eine gute Möglichkeit, dieses Privileg weiterhin haben zu dürfen. Kreativ zu sein, doch nicht nur für mich. Ebenso für ein Publikum.
Wichtig war: das Ideenerspüren, Formerfinden, Ausgestalten, das Strukturieren, ins Gleichgewicht, ins Fließen bringen, das Spuren legen und Verbinden und in Rhythmen tanzen lassen, all das, was im architektonischen Entwurfsprozess stattfindet, das gab es auch im Schreiben. Und darüber hinaus und als Grundlegendes: das Leben der Wörter.
Ganz zu schweigen von Inhalt und Sinn und Emotionen und Haltungen, von Metaphern und Bildern, von Stimmungen, Szenen, Personen und Schicksalsverknotungen.
Ganz zu schweigen von der Freude, die aufkommt, wenn eine Geschichte sich rundet, ein Wunderwerk entstanden ist, über dessen Autorenschaft (war ich das?) man ins Grübeln geraten kann.
Ja, wenn man es so sieht, dann gab es doch eine Zeit, vielleicht sogar einen Zeitpunkt, an dem mein richtiges Schreiben begann. Ich fing an, mir wo ich ging und stand Notizen zu machen, einfallende Sätze aufzuschreiben, Beobachtungen in Sprache zu übersetzen, meine Geschichte weiter zu spinnen. Noch ganz ohne Plan, in Bereitschaft, die Erzählung so aufzunehmen, wie sie mir zuflog. Und da ich anfänglich nur einen Traum notiert hatte, kurz nach dem Aufwachen, um ihn nicht zu vergessen, wuchs meine Geschichte um diesen Traum herum zu einer Erzählung über jemanden, der unter dem Eindruck eines Traumes sein Leben veränderte. Selbstverständlich ein Architekt, aber damit wollte ich auch schon die Ähnlichkeit mit meinem eigenen Leben gut sein lassen. Was nicht ganz gelang. Warum aber das Material nicht dort nehmen, wo man es findet? Im eigenen Leben? So also fing mein Schreiben an.
Unvollendete Autobiografie-Skizze
Ich wurde kurz nach einem großen Krieg geboren und habe die Ahnung, kurz vor einem anstehenden großen Krieg wieder zu gehen (was hoffentlich nicht zu bald geschehen wird). So hätte ich mir eine relativ friedliche Zeit zwischen zwei Katastrophen ausgesucht, um hier meine Erfahrungen zu machen. Wenig heldenhafte Erfahrungen also und wenig Sensationelles, über das ich berichten könnte. Worauf ich, in Anlehnung an Berthold Brecht, allerdings gerne verzichte. Aber auch eine gewöhnliche Biographie einer gewöhnlichen Person mag Interesse wecken. Wenn sie genau genug beschreibt, was der Person widerfahren ist, was ihr wichtig war, was sie aus dem Ganzen gelernt hat. Mir wenigstens gefallen Erzählungen aus einem anderen Leben, teils vertraut, teils fremd – vertraut, weil so viel Übereinstimmendes gefunden werden kann („ja, genau, so ist es!“) - fremd, weil mit ganz anderen Augen auf die Welt geblickt wird. In Resonanz mit etwas Unbekanntem stehen – das führt zur Erweiterung des eigenen Weltblickes und das wiederum zur Grundstimmung des Wachsens, des Größerwerdens, zur Glücksempfindung des Lebendig seins.
So biete ich an, mir auf meine Weise in eine fremd-vertraute Landschaft zu folgen, auf der Spur eines normalen Mitteleuropäers, aus der Mittelschicht, in mittleren Zeiten. Denn auch das Durchschnittliche ist nicht unbedingt in allem das gleiche: Jede Biographie ist einzigartig, wird unwiderruflich nur einmal gelebt und erfahren und kehrt nie wieder - und gerade das kann interessieren. Ansonsten nehme ich mich nicht zu wichtig - mein Ehrgeiz geht eher darauf, das Gesagte schön zu erzählen, als etwas Außergewöhnliches von mir zu berichten. Schön zu erzählen könnte dazu verführen zu beschönigen – so der vielleicht berechtigte Vorwurf an eine gerundete Erzählung, die ihren eigenen Erzählgesetzen folgt, nicht immer der lauteren biografischen Wahrheit – doch was ist Wahrheit? Erzählen ist kramen in Erinnerungen und Erinnerungen sind mehr oder weniger abgelegte und wiederaufgefrischte Erzählungen und diese wiederum, was sind sie? Redigierte und überschriebene Gedächtnisprotokolle? Im Übrigen folge ich bei meinem Aufschrieb meinen Interessen, und diese liegen nicht unbedingt bei äußeren Fakten - sondern bei den Einflüssen, die auf mich im Laufe meiner Entwicklung Wirkung machten. Das können Menschen, aber auch Ideen gewesen sein, Möglichkeiten, die sich aufgetan haben oder Voraussetzungen, die einfach gegeben waren. Und für wen schreibe ich eigentlich? Wen ich ehrlich bin: zuerst für mich, zur Selbstvergewisserung sozusagen. Dann für meinen Sohn: er soll ein Bild von mir, seinen ihm doch verborgen gebliebenen Vater bekommen können. Im Weiteren für alle, die ein persönliches Interesse an mir haben. Und darüber hinaus für alle, die aufgeschlossen für ihre Mit- und Zeitgenossen sind, bereit, ihnen einen Teil ihrer Aufmerksamkeit zu widmen.
Geboren wurde ich 1949, wie gesagt kurz nach dem Krieg, in der Münsterstadt Ulm an der Donau, und, wie in der Regel wohl jedem, wurde die Stadt mir als Geburts- und Aufwuchsort zur Heimat. Apropos Münsterstadt: Was selbstverständlich ist, wird nicht befragt, nicht einmal besonders wahrgenommen – an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal für längere Zeit allein von zu Hause fortging (um mein Studium in Braunschweig zu beginnen), beschloss ich, da noch ein wenig Zeit war bevor der Zug fuhr, mir das Münster einmal von innen anzuschauen. Zum ersten Mal nahm ich diesen wundervollen Innenraum bewusst wahr! Und war mein ganzes bisheriges Leben an diesem unübersehbaren, mächtigen Bauwerk vorbeigegangen, ohne darauf neugierig zu sein, wie es wohl von innen aussah… Wobei ich vermutlich irgendwann doch als Kind oder Kleinkind mit meinen Eltern dort gewesen war, aber davon hat sich kein Eindruck, keine Erinnerung erhalten. Wichtiger war mir, wie jedem Kind, das Naheliegende. Die Orte, an denen ich mich für gewöhnlich aufhielt, aber auch die Abenteuerorte, die es ebenso gab, und die das Unbekannte, Neue waren, anziehend-gruselig manchmal, herzklopfend erkundet. So Ruinengrundstücke, für uns verboten, da es dort noch Blindgänger geben konnte, Überbleibsel des Krieges, wie uns erklärt wurde. Was ein Blindgänger war, wie er aussah, und was der Krieg überhaupt gewesen war, das hat sich mir nicht erschlossen, es gab eben Dinge, die Verboten waren oder über die man ungern sprach. Obwohl, der Krieg war oft ein Thema in unserer Familie, für die Erwachsenen war ja wenig Zeit vergangen seitdem, und noch immer gab es, wie man sehen konnte, Ruinen und wurden tragische Geschichten erzählt, von Bombennächten und Gefangenschaft. Nur war das alles weit weg von meiner realen – oder geträumten – Welt. Und ich war ein verträumtes Kind. Das Leben war mir wie ein Traum und manchmal mein nächtliches Träumen mir lieber als das taghelle Dasein. Denn dieses war über lange Strecken vor allem eines: anödend. Wenigstens erscheinen mir von heute aus gesehen die nur langsam voranschreitenden Jahre meiner Kindheit und Jugend unter diesem Vorzeichen stehend. Warum das so war, kann ich nicht sagen. Vielleicht weil ein Kind sich rasend schnell alles einverleibt, was es zu lernen und neu aufzufassen gibt und der Nachschub an Neuem nicht rasch genug an es herangetragen werden kann? Dieses Grundgefühl der Langweile kenne ich jedenfalls schon lange nicht mehr, je älter ich werde, desto weniger – ich habe, glaube ich, gelernt, mir den neugierig machenden Stoff (die Welt um mich herum) selbst herbeizuschaffen. Ein anderer Aspekt dieses Angeödet seins durch die Realien des Tages war die stark empfunden Hässlichkeit und Öde vieler Dinge in meiner Umgebung. Ich hatte wahrscheinlich ein starkes Verlangen nach Schönheit, welches nicht immer befriedigt wurde, vor allem die Straßenzüge der Stadt, wie sie sich in den fünfziger Jahren entwickelt hatten, ließen mich fremdelnd und schwermütig, fast verzweifelt zurück, durchstreifte ich sie auf meinen Ausflügen in die „weite Welt“. Da kam mir meine Traumwelt heimatlicher vor. Dabei hatte ich alle Voraussetzungen, um ein angeregtes und erfülltes Erleben zu haben: mein Elternhaus, meine besondere Schule, die Menschen in meiner engeren und weiteren Umgebung.
Ach ja, die besondere Schule – auch wenn ich heute dankbar dafür bin, dass ich in eine Waldorfschule gehen durfte, und ich mir schwer vorstellen kann, dass dieses verträumte Kind in einer anderen Schule genauso gefördert worden wäre, so war mir das in die Schule gehen doch nicht die reinste Freude. Wenigstens am Anfang gewöhnungsbedürftig. Denn nachdem ich einige Zeit neugierig und froh meinen Geschwistern in die Schule gefolgt war, wurde mir irgendwann meine Situation bewusst: Ab jetzt musste ich jeden Tag in die Schule gehen. Jeden Tag. Nicht nur dann, wenn es mir gefiel. Nicht nur dann, wenn es mir passte. Ich war in etwas eingespannt. war gefangen. Und das würde für den Rest meines Lebens so weitergehen. Da wurde ich traurig und apathisch. Meinem Lehrer fiel auf, dass ich desinteressiert auf meinem Stuhl saß und nur gelegentlich Kontakt zu meiner manchmal lärmenden, manchmal fleißig kritzelnden Umwelt aufnahm. Ich war ein Gefangener und sprach nicht darüber. Verhielt mich so, wie sich die anderen verhielten. Tat so, als wäre das normal, als wäre ich frei. Aber ich war es nicht. Das bekümmerte mich maßlos...
Steiner redivivus
Was sollte ein wiedergekommener Rudolf Steiner alles unter einen Hut bringen können?
Rudolf Steiner hatte seinerzeit eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung erhalten. Jedoch war er auch von Kindesbeinen an mit einer anderen Sicht auf die Natur vertraut: als einer durchseelten, durchgeistigten Realität. Die er durch seine Schul- und Ausbildung nicht verloren, sondern, im Widerspruch dagegen, weiter ausgebaut hat: dank der von Goethe etc. vertretenen, den Geist einbeziehenden Anschauung von Natur und Wirklichkeit. Dazu kam seine Beschäftigung mit der Philosophie des deutschen Idealismus, mit Kant, Fichte Schelling, Hegel, jedoch auch Nietzsche, Brentano etc. Er setzte sich gleichzeitig mit der damaligen zeitgenössische Erkenntnislehre auseinander und der Art und Weise, wie man im Zeitalter des Naturalismus und Materialismus zu denken hatte.
Einen ganz anderen geistigen Kontinent betrat er dagegen mit dem Anschluss an die Gedankenwelt der Theosophie Blavatskys. Da er, wie er sagte, in den Theosophen einen Kreis von Menschen gefunden hatte, die bereit waren, sich auf seine Erkenntnisse einzulassen und ein Verständnis dafür zu entwickeln. Dazu formulierte er seine Gedanken in deren Begrifflichkeit und Denkmustern. Was dahin führte, dass die ausgearbeitete Anthroposophie stark auf den Bildern und Anschauungen der Theosophie beruhte, auch wenn die Intention eine andere war und sein Weg ihn weit weg von allem theosophischen Schematismus führte. So hat die Anthroposophie auf dieser Basis ihre historische Gestalt erhalten, in der sie heute anzutreffen ist.
Wie würde Anthroposophie heutzutage aussehen, wenn Rudolf Steiner zurückgekehrt wäre und von Heute aus seine Sprache und seine Erkenntnisbilder finden würde? Was würde er alles einbeziehen, welchen Stand der Wissenschaft, Erkenntnislehre und Philosophie berücksichtigen, auf welche Mentalitäten eingehen?
Ich würde gerne versuchen, dieses Feld der notwendigen geistigen Auseinandersetzungen zu skizzieren, wie es mir im Horizont des angebrochenen 21. Jahrhunderts gegeben scheint: ein herausforderndes Vorhaben - übersteigt es meine zur Verfügung stehende Zeit, meine Fähigkeit?
Über Freiheit
Freiheit ist ein erhebendes Wort. Es erhebt sich das Herz dabei und der Kopf schaut um sich und kann seine Gedanken hinschicken wohin er will. Gedanken- und Redefreiheit war einmal etwas, was gegen mächtige Gegner erkämpft werden musste, mit Mut und unter Opfern. In manche Gegenden der Welt gilt das heute noch.
Das Gegenteil von Freiheit ist der Zwang. Äußerer Zwang oder innere Zwänge. Umständen unterworfen zu sein, die man nicht ändern kann oder psychischen Zuständen ausgesetzt zu sein, die einen dorthin treiben, wohin man eigentlich nicht will - dass lässt einen die eigene Hilflosigkeit erleben. Und Befreiung aus dieser Hilflosigkeit wird als Befreiung aus einer Bedrängnis, einer Einschnürung, einem Festgebannt sein erlebt.
Freiheit, aah... tiefes Durchatmen, endlich dem Zwangszugriff entkommen. Endlich bei sich selbst angekommen, dem eigenverantwortlichen Tun und Lassen. Dieses Empfinden, als Geschmack und Qualität der Freiheit erlebt, gibt der Freiheit ihren Wert, macht ihren Sinn aus. Bedingt den hohen Stellenwert, den die Freiheit besitzt. Denn auch andere Werte, die sich nicht mit der Freiheit decken oder ihr sogar widersprechen, sind im Umlauf: Sicherheit zum Beispiel. Versorgt werden. Geführt werden etc. In früheren Zeiten waren diese sogar bestimmender als die Freiheitswerte, die wir Heutigen so schätzen.
Das Befreit sein von etwas, einem Zwang, und die Freiheit, sich für - oder gegen - etwas entscheiden zu können, wird allerdings unterschieden. Mit recht. Das erstere ist ein Vorgang auch im sozialen Bereich. Das zweite berührt das Problem der Willensfreiheit: gibt es sie? Im ersten Fall wird wohl niemand, der davon betroffen ist, verneinen, dass es ein erstrebenswertes und reales Ziel wäre, befreit zu sein. Freiheitskämpfer setzten ihr Leben dafür ein, Geschichte wurde damit geschrieben. Oder eine psychischer Zwangsstörung wird therapiert und der Patient kann endlich ein normales Leben führen. Beim zweiten wird es grundsätzlich: was meint Freiheit genau? Bin ich wirklich frei, wenn ich nicht mehr von jemand anderem herumgeschubst und kommandiert werde? Was treibt mich an, dieses zu tun und jenes zu lassen, dieses zu denken, zu sagen, zu wählen? Hirnforscher streiten sich darüber mit Philosophen, Psychologen untereinander.
Für den Normalbürger stellt sich allerdings diese Frage nicht. Für ihn ist klar: Freiheit ist der Zustand, in dem ich tun kann, was ich will. In dem ich selbst bestimmen kann, was ich tue. Und damit ist Freiheit der Zustand, in dem ich nicht Gebunden bin. An irgendetwas und an irgendwen.
Warum Freiheit durch Verantwortung ergänzt werden sollte - Freiheit und Liebe
An der Frage, ob absolute Freiheit nicht bedeuten würde, auch jederzeit einen Mord begehen zu können, einfach so, kann man ins Grübeln über das Wesen der Freiheit kommen. Ja, muss man dazu sagen, Freiheit bedeutet genau dies. Erst einmal. Denn es wäre eine Einschränkung der Freiheit, bestimmte Bedingungen für sie aufzustellen, an die sie sich zu halten hätte, moralische zum Beispiel. Dann gäbe es die Freiheit nicht wirklich.
Diese Antwort kann erschrecken. Und dieses Erschrecken führt zu etwas Anderem. Zu der Frage nämlich, was mich als Menschen ausmacht. Freiheit ist zweifellos ein zentrales Moment unseres Menschseins. Das freie Sein-Handeln-selbst-bestimmen-können ist so sehr zu uns gehörig, dass wir es gegen jeden empirischen Gegenbeweis verteidigen. Jeder Aufdeckung eines Zwanges, der uns zu einer bestimmten Handlung geführt hat, stellen wir das Argument dagegen, dass es in diesem Falle wohl zutrifft, es aber nicht grundsätzlich so sein muss. Im Grunde seien wir frei. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen und unser Handeln mit uns selbst in Übereinstimmung bringen.
Natürlich kann dies angezweifelt werden und wird auch angezweifelt, der Determinismus hat wahrscheinlich mehr Anhänger als die Freiheitsphilosophie, doch wird wohl kein Mensch sich ernsthaft als absolut determinierte Maschine ansehen, deren Wirken vorprogrammiert ist und in deren Ablauf er nicht eingreifen kann. Das wäre sehr seltsam und eigentlich pathologisch, wenn so gelebt.
Macht aber dieses Freiheitsvermögen, das wir derart verteidigen, unser ganzes Menschsein aus? Auch darauf gibt es eine klare Antwort: nein. Freiheit ist nur ein Pol in ihm. Der andere, ihr Gegenpol, ist das Eingebunden sein in die Gemeinschaft aller Wesen und Dinge. Nicht das Gebunden sein, das wird oft damit verwechselt und als Widerlegung der Freiheit angeführt. Freiheit kann in das Alleinsein, führen, auch in die Einsamkeit. In dieser Spannung leben wir. Beides ist wichtig, um sich lebendig zu entwickeln.
Wenn gesagt wird - so auch sinngemäß von Viktor Frankl - eine freie Handlung, von uns ausgeführt, bringe die Verantwortung für diese von uns ausgeführte Handlung mit sich, dann heißt das nicht nur, wir müssen damit leben, dass unser Wirken auf uns zurückwirkt, wir durch die Umstände oder die Gesellschaft eventuell dafür bestraft werden, wenn wir Schaden angerichtet haben. Dass wir also nicht ungestraft einen Mord begehen können (was nicht unsere Freiheit, ihn tun zu können, berührt). Es bedeutet mehr noch, dass wir als ganzer Mensch, als Person, in diesem Spannungsfeld von Freiheit und Eingebundensein stehen und in ihm wirken. In ihm wirken und uns dadurch, als Person, verwirklichen.
Wir übernehmen, als Person, die Verantwortung für das, was wir durch unser Handeln bewirken. In der reinen Freiheit liegt keine Veranlassung vor, sich dafür zu verantworten. Die Freiheit an sich zwingt nicht dazu. Auch wir, als freier Mensch, sind dazu nicht gezwungen, das wäre gegen unsere Freiheit. Es ist etwas anderes, was uns dazu bringt, in der Verantwortung für unser Handeln zu stehen: unser tiefbegründetes Verbunden sein mit allem was ist. Man nennt es auch Liebe.
Zustimmung
Es ist einfach, mit einer Sache einverstanden zu sein, die einem guttut. Mit einer Situation vielleicht, in der man unvermutet einen Vorteil bekommt, einen Glücksbonus, in der man sich wohlfühlt oder die einem schmeichelt. Da denkt man nicht darüber nach, ob man dieses Geschenk annehmen soll oder nicht, denkt nicht darüber nach, wie man sich dazu stellen soll. Ob man dem zustimmen soll.
Etwas anderes ist es, wenn es darum geht, widrige Umstände zu akzeptieren, unangenehme Erfahrungen oder sogar leidvolle. Der Widerstand dagegen scheint die natürlichste Reaktion darauf zu sein. Oder, noch besser, man vermeidet diese Erfahrungen oder zumindest deren Wahrnehmung. Man nimmt sie vielleicht nicht zur Kenntnis, tut so, als ob es eine solche Situation gar nicht gäbe. Ist das nicht möglich, setzt man sich zur Wehr, kämpft dagegen an und bringt seine ganze Kraft ein, um sich aus den widrigen Umständen zu befreien. Ist auch das nicht möglich, was dann? Stellt man sich tot, erstarrt man? Verfällt man in eine Resignation, ohne akzeptieren zu können, dass die Sache so ist, wie sie eben ist?
Auch dazu seine Zustimmung geben zu können, wäre heilsam. In dem Sinne, dass es einem hilft, die durch den eingetretenen Umstand zugefügte Verletzung zu heilen. Nicht gut zu heißen, man muss sich mit Unglück, mit Boshaftigkeit, mit Beschädigung und Leid nicht einverstanden erklären, sie bleiben was sie sind: zerstörerische Einwirkungen. Man muss sich mit ihnen nicht gemein machen, in einer hinnehmenden Komplizenschaft etwa, so wie man sich zum Beispiel als Gefangener mit den Motiven und Interessen seiner Peiniger identifizieren könnte, um die eigene unerträgliche Situation abzumildern.
Doch wäre es gut, die leidvollen Umstände zur eigenen Sache zu machen: es betrifft mich. Ich bin damit gemeint. Niemand anderes. Somit hat es mit mir zu tun und wird mir zu meiner eigenen Aufgabe. Ich stimme dem zu, dass es mich betrifft und bin damit einverstanden, dass es so ist, wie es ist. Als Widerstand in meinem Leben, als Hindernis, als Gefahrenstelle. Als etwas, was meine Wiederherstellungskräfte aufruft und mich vielleicht sogar gestärkt aus dem Ganzen hervorgehen lässt. Eben: heil. Möglicherweise entwickelter, gereifter. Und auch wenn ich daran scheitere, nicht als siegreicher Überwinder dastehe: ich war es, der sich der Situation gestellt hat. Ich stimme dem zu, dass diese Erfahrung meine eigenste Erfahrung ist, zu mir gehört.
Genderismen
Bin ich ein Konservativer, wenn ich es verblödend finde, gewordene Sprache um einer Gendergerechtigkeit willen zu verhunzen?
Ja klar, "verblödend" und "verhunzen" sind polemische Ausdrücke, vielleicht nicht angebracht, es geht schließlich um ein ernsthaftes Anliegen, dass der Gerechtigkeit nämlich. Wie werden wir dem Einzelnen in seiner Rolle als Mann oder Frau gerecht, ist die Frage, die dahintersteht. Und ich weiß um die Wirkmächtigkeit des Sprachlichen - wie Sprache unsere Weltsicht vorgibt - deswegen will ich dieses Anliegen nicht einfach als lächerlich abtun. Ich weiß aber auch um die Gefahr eines Denkens in Schubladen, in die alles eingeordnet wird: schwarz und weiß, links und rechts, männlich und weiblich. Denn wenn wir schon anfangen, uns um die Abbildgenauigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse durch sprachliche Formen Gedanken zu machen, dann sollten wir schon weitergehen: Was ist mit der Gerechtigkeit für diejenigen, welche sich nicht in dieses biologisch vorgegebene Schema einordnen lassen wollen? Bräuchten wir dann eine dritte - oder vierte, fünfte - Bezeichnung für den geschlechtlichen Ist-Zustand oder die sexuelle Präferenz des Angesprochenen?
Ich bin der Meinung, es gibt gar keine auf ewig bestehende Festlegung der sexuellen Orientierung, jedes Individuum entwickelt dabei seine eigene Neigung, hat also seine eigenste sexuelle Identität, und dieses sollten wir anerkennen. In einem gesellschaftlichen Klima der Toleranz und Freiheit. Dies bedeutet aber nicht, für jede mögliche Position einen eigenen sprachlichen Code einzuführen. Was doch nicht praktikabel wäre.
Die paritätische Besetzung der Sprache mit nur zwei Geschlechtern, wie von einigen angestrebt, behebt allerdings nicht diese Problematik, führt stattdessen nur zu lächerlichen und verkünstelten Sprachkonstruktionen. Am besten wäre es doch, eine neutrale und für alle gültige Form der Anrede, bzw. der Bezeichnung zu finden, die jeder für sich akzeptieren könnte.
Allerdings: gibt es diese quasi neutrale Form nicht schon? Dem Sprachgebrauch nach? So wie die Sprache konventionell eingesetzt wird, ist nämlich die männliche Bezeichnung als Oberbegriff, der beide Geschlechter umfasst, selbstverständlich im Gebrauch. Was von den Vertretern der Genderagenda natürlich als empörende Ungerechtigkeit angeklagt wird. Jedoch trifft diese Selbstverständlichkeit keineswegs auf die weibliche Bezeichnung zu, die dem Sprachempfinden nach explizit die männliche Hälfte der Menschheit ausschließt.
Warum aber können wir nicht akzeptieren, dass sich unsere (indogermanischen) Sprachen in einem evolutionären Prozess in Gesellschaften entwickelt haben, die seit mindestens viertausend Jahren männlich dominiert waren? Und dass wir trotzdem, auch wenn im Deutschen geschlechtsspezifische Zuordnungen vorhanden sind, unsere eigenen Gedanken und Vorstellungen, die ganz andere sind, als die der ursprünglich sprachbestimmenden Gesellschaften, in eben dieser Sprachgestalt ausdrücken können - ohne diese Sprachgestalt zu vergewaltigen?
Doch eine Vergewaltigung, zumindest auf ästhetischer Ebene, ist es, wenn ich ständig beide Geschlechtsbezeichnungen bemühe, um zu zeigen, es gibt nicht nur Ärzte, sondern auch Ärztinnen, nicht nur Zuhörer, sondern auch Zuhörerinnen, nicht nur Literaten, sondern auch Literatinnen. Oder, in der neuesten Schreibweise: Ärzt*innen, Zuhörer*innen, Literat*innen.
Selbstverständlich werde ich keine Professorin mit Professor anreden. Niemand braucht sich noch einen Bart umzubinden, um als Kanzlerin akzeptiert zu werden, wie es die Pharaonin Hatschepsut in Altägypten getan hat. Keine Frau muss ihr Selbstwertgefühl von sprachlichen Traditionalismen (oder deren Überwindung) abhängig machen, sie kann sich auf das berufen, was ihren eigenen Erfolg in der Gesellschaft ausmacht. Ist es heute nicht selbstverständlich, dass weibliche Wesen alle beruflichen und gesellschaftlichen Funktionen ebenso gut wie männliche Wesen besetzen können, so dass man in einer Versammlung von Therapeuten auch jede Menge Therapeutinnen - wahrscheinlich sogar in der Überzahl - finden wird? Muss das explizit und penibel festgehalten werden? Wenn das Wort Therapeut beide Geschlechter umgreift?
Kann ein Satz heute so nicht mehr geschrieben werden: Der Therapeut unterstützt seinen Klienten in dessen Bemühen, sich selbst zu akzeptieren? - Muss es heute wirklich so heißen: Der Therapeut/ die Therapeutin unterstützt seinen/ihren Klienten -seine/ihre Klientin - in dessen/deren Bemühen, sich selbst zu akzeptieren? Oder besser noch: Die Therapeutin/der Therapeut usw. Oder anders: Der/die Therapeut* in unterstützt seinen/ihre Klient(en)*in in dessen/deren Bemühen usw. Absurd.
Ich verstehe den reformpädagogischen Ansatz, der dahintersteht. Sprache wandelt sich ständig und schon immer, und das soll eben der Anstoß zu einer gewollten Wandlung sein. Zur gendergerechten Sprache. Aber ich könnte eher das Verschleifen und die Verstümmelung des Schriftdeutschen durch ein Migrantensprech akzeptieren, wie es auf der Straße schon gesprochen wird, weil es ein natürlicher Prozess ist, der auch in anderen Sprachen und in anderen historischen Zusammenhängen zu beobachten ist, als eine solche künstliche Implementierung, geschuldet der political correctness. Man spürt die Absicht zur Schulmeisterei und ist verstimmt.
Das ist aber nicht mein Argument: Mein Argument ist ein ästhetisches, mein Argument ist ein ethisches. Es führt einfach zu einem schlechten Stil, einem kopflastigen Stottern, wodurch man einen Satz zweimal lesen muss, bis man ihn zusammenbringt. Und dann: es besteht keine Achtung und Wertschätzung der gewordenen Sprache, kein Empfinden dafür, wie Wörter geworden sind, was sie an Anklänge, an Assoziationen mit sich führen, welche Geschichtslasten auch damit verbunden sind.
Ein ähnliches Thema übrigens - und ähnlich umstritten - wie das der Denkmäler unserer Geschichte: Sollte man nicht alle dunklen Kapitel in ihr endgültig überwinden, indem man die Erinnerungs- /Verherrlichungsmale dafür ausmerzt?
Die Psychoanalyse kann dazu etwas sagen - was nämlich im Individuellen geschieht, wenn eine Person dies mit ihren dunklen Kapiteln macht: Verdrängung und Entwicklung einer Störung.
KI-Algorithmus vs. Menschliche Kreativität
In einer Diskussion ist die Frage aufgetaucht, ob KI, oder auch AGI, kreativ sein könnte, was einer der Diskutanten behauptet hatte, während ein anderer widersprach. Dieser sagte, KI würde nur rechnen, also rational vorgehen, während der Mensch auch irrational sein könnte, darin läge dann die Chance, kreativ sein zu können, also aus einem völlig neuen Blickwinkel etwas bisher noch nicht dagewesenes hervorzubringen. Dem widersprach ein weiterer Diskutant, der das Beispiel eines völlig irrational erscheinenden GO-Zuges brachte, mit dem eine damalige KI zum ersten Mal in der Geschichte dieses Spiels (weit komplexer als Schach) einen GO-Meister besiegen konnte – inzwischen ist das Normalität.
Meiner Meinung nach übersehen beide etwas, oder definieren
Kreativität unter einem zu engen Blickwinkel: Kreativität ist nicht nur durch das
Aufbrechen eines streng logischen Vorgehens durch den Sprung ins Irrationale möglich,
wie beide voraussetzen, sondern ist darüber hinaus etwas anderes. Bei der KI,
die den GO-Meister schlug, war die scheinbare Irrationalität das Ergebnis einer
die menschliche Fähigkeit zur Erfolgsabschätzung eines Spielzuges weit
überschreitende Berechnungstiefe der KI, welche auf rein logisch-mathematischen
Berechnungen beruht, eben nicht auf Irrationalem. Irrational erschien es den
menschlichen Beobachtern nur, weil sie den Zug nicht einordnen konnten, ihn
vielleicht sogar als Fehler ansahen.
Beim Menschen liegt etwas anderes vor, würde ich behaupten:
Wenn Ratio heißt, sich Schritt für Schritt zu einem Ergebnis vorzutasten, jeder
Schritt schlüssig begründbar, so wäre natürlich ein intuitives Vorgehen
irrational. Aber auch der Intuition liegt eine Ratio zugrunde, was meint, eine
in sich begründbare, nachvollziehbare Logik des Zusammenhangs. Ein auf
intuitive Weise erlangtes Ergebnis muss sich in die Welt des Faktischen
einfügen lassen können, muss also wahr sein. Muss dem realen Aufbau der Welt
entsprechen, um sich nicht als Schein zu entlarven, als Seifenblase zu
zerplatzen.
Die Intuition wäre in dem Fall als ein abkürzender Zugangsweg zu einem Bereich des
Alles-Zugleich und Alles-Auf-Einmal zu sehen, in dem Alles-Was-Ist antreffbar
wäre, beschreibbar als zeitloses Sein und Möglichkeitsuniversum. Dann hieße die
Frage: Ist der Rechenraum der KI, der jedes menschliche Fassungsvermögen
übersteigt, vergleichbar oder gar identisch mit dem intuitiv erschließbaren All-Innenraum
des Menschen? Was ich verneinen würde.
Gedankenkunstwerk
Bald wird die KI in allen Bereichen, auch der Kunst, triumphieren: Nichts wird außerhalb ihrer Möglichkeit sein, was virtuell oder real verwirklichbar ist. Ob materiell, ob als Datensatz, als Text, als Bild, als gesprochenes Wort etc. Der Einwand, dass die KI ja nur aus dem Speicher der einmal von Menschen geschaffenen Werken recycelt, wird hinfällig werden: Erstens recyclen menschliche Künstler auch, und nicht zu wenig, und zweitens werden die Produktionen der künstlichen Intelligenz eine Gestaltungshöhe erreichen, die kaum durch den durchschnittlichen menschlichen Künstler übertroffen werden wird. Zwar wird heute ein Kunstwerk vor allem dadurch zum Kunstwerk, dass es etwas Neues, noch nie Dagewesenes einbringt, doch wieweit führt dieses Neue in die Sphäre einer wirklichen Inspiration? Meistens bleibt es doch bei einer nur neuartigen Mischung von schon Vorhandenem. Man kann daher sagen: Alles, was auf einem Kunstmarkt verkauft werden kann, wird die KI im Durchschnitt besser herstellen können.
Was bleibt?
Ein Kunstwerk zu erschaffen, dass rein in Gedanken entsteht und aus Gedanken besteht. Als die Gedanken einer Gruppe von Menschen beispielsweise, die sich gegenseitig ihre Themen, Vorstellungen, Begriffe, Assoziationen Stichworte etc. zuwerfen und daraus einen gemeinsamen Gedankenbau auftürmen. Dies geschieht in einem Bereich, in dem die KI nicht zugegen ist. Besser gesagt: nicht auf dieselbe Art zugegen, wie ein menschliche Teilnehmer. Als Mitspieler schon, sie wird eingebunden werden, wie es ja heute schon geschieht, in Entscheidungsprozessen und als Materialpräsentierende, Ideenvorschlagende, aber ohne inneres Erlebnis. Und gerade darum ginge es ja. Zwar wird sie einen wertvollen Beitrag leisten, wie eine Bibliothek, die jedes Buch der Welt (auf eine unmittelbar zugängliche Weise) enthält, in der ein Biblothekar sofort einenen guten Tip geben kann und ein Buch herbeischafft, das genau das Gewünschte ist - aber die Genese des aktuellen Gedankenakts, der im Augenblick, aus dem Augenblick heraus entsteht, und der als solcher erlebt wird, die kann sie nicht vollziehen und übertreffen.
Wenn jedoch aus diesem rein gedanklichen Akt etwas materiell realisiert wird, oder als Text, als Bild, als Datensatz festgehalte wird, steht dieses Produkt wieder in einem Bereich, der von der KI abgegrast und in deren Repertoire aufgenommen werden kann.
