Literatur · Helenadreieck

Helena-Dreieck

Textfragmente Ellen

Das Geheimnis meines Lebens ist dessen Käuflichkeit. Man kann sich in mein Leben einkaufen. In Wahrheit nicht in mein Leben, da achtete ich sehr darauf, das Privates privat blieb, aber in die Illusion, in meinem Leben zu sein, im Fokus meiner Aufmerksamkeit, meiner Gefühle und Wünsche zu stehen.

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Ich habe den Ehrgeiz, gut zu sein in meinem Job. So perfekt zu sein wie ich kann. Ich bin niemand, der sich für schnelles Geld bloß lustlos zur Verfügung stellt, da hätte ich das Gefühl nur Abzuzocken, keinen Gegenwert zu bieten. Außerdem ist es in meinem eigenen Interesse, jemanden so zu beeindrucken, dass er mich wieder bucht. Und die meisten meiner Kunden rufen mich wieder an, sagen, es sei für sie eine besondere Begegnung gewesen. Das nehme ich als Kompliment, und Komplimente füttern mein Ego, ab und zu brauche ich das einfach. Und das heißt eben, die Idealprojektion des jeweiligen Mannes zu sein, seine Wunscherfüllungsbegegnung.

Außerdem kann ich meine Arbeit gar nicht anders machen, als genau das zu versuchen. Auf ihn einzugehen und ihn als den zu nehmen, der er ist. Und dazu gehört, ihm das Gefühl zu geben, ich sei völlig einig mit seinen Wünschen, seinem Begehren, seiner Person. Doch nicht als willfähige Dienstleistende, sondern als ich selbst. Als begehrenswerte Frau. Ihm das Gefühl zu geben, er sei für mich einzigartig, kein austauschbares Gesicht in einer endlosen Reihe von Männerauftritten. Als hätte ich auf ihn gewartet und wir wären schon immer wie selbstverständlich zusammen gewesen. Ihm die Illusion zu geben, unser Zusammensein sei etwas Besonderes, mit nichts zu Vergleichendes.

Diese Illusion, diesen Traum gebe ich ihm als Zusatzgeschenk zu dem, wofür er bezahlt, und ich denke, es ist nichts Geringes, was er dabei bekommt: Und es ist ja auch nicht ganz und gar eine Illusion, ich kann dieses Gefühl nicht nur für ihn, sondern auch für mich erzeugen, und dann ähnelt es sehr der Realität. Wird zur Realität des Augenblickes, beschränkt auf die kurze, gekaufte Zeit, in der wir zusammen sind.

Natürlich gibt es wenig andere Momente im Leben, in denen wir uns so offen, so ungeschützt, so verbunden und empathisch so völlig ineinander verschränkt erleben können wie im Akt – Sex als Kraftsport ist etwas völlig anderes – aber was sagt das schon über den Rest des Lebens aus, welches wir beide unabhängig voneinander führen? Jedes Mal wenn jemand aufgetaucht ist, der anfing beides zu vermischen, war ich alarmiert und habe mich zurückgezogen. Früher, am Anfang meiner Arbeit, habe ich dann die Verbindung abgebrochen, wollte nicht ermutigen, mehr zu wollen, als ich zu geben bereit war, wollte keine Hoffnung schüren, wo keine Erfüllung möglich ist. Auch aus Hilflosigkeit: Was kann ich tun, was soll ich sagen? Auch aus Ängstlichkeit: Was nur will er von mir?
Heute bin ich gelassener: Ich sage mir, er ist ein erwachsener Mensch, er kennt sich aus, weiß seine Situation einzuschätzen, und wenn nicht, soll ich diejenige sein, welche jetzt die Verbundenheit stört, die ich durch meinen Einsatz bewusst hergestellt habe? Ich weiche seinen Fragen nach der Art unserer Beziehung aus soweit ich kann, werde vage und allgemein, schwäche ab, ich versuche, nichts Unwahres zu sagen. Weiß aber doch, dass seine Illusionsverstrickung nur durch den Schock einer direkten, unverbrämten Klarstellung aufzulösen wäre: was ich oft nicht übers Herz bringe.

Ich kann nicht schonungslos aufklären, wenn Wahrheit (Und: was ist Wahrheit?) verletzen würde. Ich kann nicht die Stimmung verderben, wenn ein trockenes nein ihn aus allen Himmeln holen würde und der Termin gestört wäre. Ich beruhige mein schlechtes Gewissen damit, dass ich mir einrede: Wenn er sensibel genug ist, dann muss er an meinem Ausweichen merken, wie es um mich steht, wenn nicht, trägt er selbst die Verantwortung für seine Verblendung. Bin ich sein Lebensberater, der ihn coacht, ihm den Spiegel vorhält und ihn auf Selbstbetrug und Denkfehler hinweist? Treibt er mich aber mit seinen Fragen in die Enge und kann ich nicht anders mehr als abzuwehren, dann kam es aber auch schon vor, dass ich ihn vor die Wahl stellte: Komme zu mir zu den Bedingungen, wie sie von Anfang an bestanden, oder lass’ es bleiben. Wenn du eine Freundin willst, dann suche sie dort, wo du eine findest, nicht dort, wo du für den Sex bezahlen musst.

Was der Biophysiker sich wünscht, was sich viele in Wirklichkeit wünschen ist eine Freundin, die bereit ist, sich auf alles einzulassen, was eine bezahlte Sexpartnerin aus rein professionellem Kalkül anbietet. Was sie bei mir erleben ist eine bezahlte Sexpartnerin, die wie eine Freundin ist – besser noch: wie eine ideale Freundin. Es gibt keinen Streit, keine Auseinandersetzung, keinen Stress durch Meinungsverschiedenheiten, kein Ausweichen und Nicht Wollen – keine Kopfwehausrede, keine Monatslaune, kein Geziere und Gezicke. Nur Entgegenkommen, Präsenz, Verfügbarkeit. Und auch, dass ich mich auf mein Handwerk, wie ich glaube, gut verstehe.

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Johannes... Auch so ein Fall. Wobei Fall vielleicht nicht das richtige Wort ist, er ist doch kein Patient, der mit seinem Krankheitsfall in den Akten eines Arztes vermerkt ist, und dieser Doktor wäre ich. Aber manchmal kommt mir dies genau so vor, finde ich die Metapher gar nicht so danebenliegend und vor allem gar nicht so metaphorisch. Ich kann ihm nicht sagen (wie so vieles übrigens), dass er sich ganz typisch verhält, wie vor ihm schon einige, weil ich ihm nicht das Gefühl geben will, er sei nur einer in einer Reihe von zahllosen Männerbegegnungen, in denen ich von anderen ebenso wie von ihm begehrt und umarmt werde. Was ihn verletzen würde und doch die Wahrheit wäre. Und was ihn eifersüchtig machen würde, worauf er jedoch überhaupt kein Recht hätte. Jedenfalls würde das in ein weites Feld von Empfindlichkeiten und Auseinandersetzungen führen, worin ich mich nicht verirren möchte, nicht bei meinen Terminen.

Bei diesen bemühe ich mich im Gegenteil darum, alles auszuschalten, was Harmonie und Übereinstimmung stören könnte, versuche ich, die Situation einzigartig zu machen, ein Moment außerhalb der Zeit und des Gewöhnlichen. Wie könnte ich also in einer solchen Situation zu jemanden etwas sagen, was ihn vor den Kopf stoßen oder auch nur einen kleinen Missklang erzeugen könnte?

Warum sollte ich Johannes auf seine Frage, ob ich genauso empfinde wie er, genauso geil wäre, genauso rettungslos in ihn verloren wie er in mich, nicht mit einem geseufzten Ja antworten, eingeschoben in mein sonstiges lustbezeugendes Seufzen als Reaktion auf seine Aktion? Doch wie kann er das, was in einer solchen Situation gesagt, gestöhnt, versprochen wird für bare Münze nehmen? Es ist das Spiel, das aus mir spricht, das Spiel, auf das ich mich verpflichtet fühle, nachdem ich sein Geld angenommen habe. Und er sollte das wissen, es nicht vergessen oder verdrängen.

Ist es meine Aufgabe, ihn daran zu erinnern? Nein. Meine Aufgabe ist es, die Illusion zu perfektionieren, dass er bei der Frau seiner seit Ewigkeit bestehenden Sehnsucht angekommen ist. So sehe ich meinen Job. Erwarte ich demgegenüber zu viel Realitätssinn von ihm?

Ist es zu viel verlangt, das Geschenk der Illusion anzunehmen, den Augenblick anzunehmen und ihn auszuleben, und sich trotzdem darüber im Klaren sein, das es sich um eine Illusion handelt, eine Inszenierung, einzig für ihn und zu seiner Befriedigung auf die Bühne gebracht, um ein Kunstwerk, nicht um das wirkliche Leben? Denn in Wahrheit ist es eben nicht er allein, der diese Augenblicke mit mir teilt. Er ist einer unter vielen Männerkörpern, die mich im Sex umarmen, er müsste das wissen, er weiß es ja auch, aber er will es verdrängen. Nur weil ich nicht Sexgeilheit übertreibend markiere oder gleichgültig-mechanisch agiere, sondern mich zuneigungswarm und leidenschaftlich zeige, denkt er, er würde mich ganz und gar kennen und haben.

Es gibt ja wenige Momente im Leben, in denen man sich dem anderen so nahe fühlen kann als im Akt, so ineinander verschmolzen, so versunken in die gemeinsame Choreografie der Bewegungen und Gegenbewegungen, des Tanzes der Körper, den man zusammen aufführt. Und kommt dann noch, wie bei ihm, ein bisher vergeblich gestillter Hunger nach sexueller Erfüllung dazu - zu wichtig genommen in Bezug darauf, was ein Leben sinnvoll macht – dann erhält eine solche momentane Ausnahmezeit ein zu großes Gewicht. Was für eine Überbewertung des Sexuellen! Es ist doch nur Sex! Und Sex ist nichts persöhnliches. Sex ist nichts individuelles, sondern etwas, was fast in allen Lebewesen als Elementarkraft wirkt

Als Liebende sind wir wie alle Liebenden, überall auf der Welt. Unsere fingertanzenden Berührungen, verlangenden Gebärden, unsere drängenden Bewegungen, unsere ineinander verfangenen Blicke und unser stoßweises Atemholen sind die gleichen wie bei allen, die sich dieser Art Umarmungen überlassen. Unsere leidenschaftliche Griffe, unser saugendes Zungenspiel, der Druck und Gegendruck unserer Körper aufeinander – das ist nichts einzigartiges, noch nie gewesenes: Wir sind im allgemeinsten Taumel den es gibt – das millionenalte Spiel der sexuellen Vereinigung. Wir bewegen uns in einem uralten Muster, welches wir erfüllen, nicht erfinden. Ich meine ihn und nicht ihn, wenn ich mich nach dem Abschluss seines heftigen Ansturms zärtlich an ihn schmiege, ihn die Ermattung auskosten lasse, das Gewicht meines Kopfes auf seiner Schulter, den Geruch meines Körpers vermischt mit seinem frischen Schweiß.

Und er sagt dann: „Das kann nicht gespielt sein, das ist keine Täuschung, das ist wahr“. Denn Johannes tickt wie viele, vielleicht sogar die meisten Männer: er verwechselt guten Sex mit einer guten Beziehung. Er meint, weil eine körperliche Übereinstimmung besteht, müsse auch eine tiefere Verbundenheit bestehen, das eine bedeute das andere. Er glaubt, weil ich so intensiv auf ihn eingehe, so empfänglich für ihn bin und so erregungsstark auf ihn reagiere, weil ich mich in vielerlei Hinsicht offen zeige und er sich bei mir in den Stunden oder Tagen unseres Zusammenseins völlig offenbaren kann, deswegen wäre ich auch der Mensch, der für ihn im übrigen Leben diese Rolle genauso übernehmen will. So ist es jedoch nicht.

Das, was ich zeige, braucht nicht das zu sein was ist, und das, was ist, zeige ich nicht unbedingt. Warum auch. Ich sehe nicht ein, dass meine Kunden über meine sonstigen Gefühle und über mein übriges Leben Bescheid wissen müssen. Auch Johannes nicht. Mag sein, dass mein Ausweichen ins Ungefähre, Verschleierte – für mich wichtig, um mir mein privates Rückzugsgebiet zu sichern – ihn nur noch mehr reizt, vermutete und wirkliche Schleier zu lüften.

Er sagte einmal zu mir: „Was ist dein Geheimnis? Was macht dich so anziehend? Es liegt etwas in dir verborgen und ich habe das Gefühl, ich müsste eine versteckte Tür finden und den richtigen Schlüssel dazu haben, dann könnte ich in dich eintreten und wäre in deinem geheimen Garten.“

Das sagt mehr über ihn aus als über mich. So will er mich sehen: Geheimnisvoll. Verführerisch. Nicht auslotbar. So etwas braucht er wohl in seinem Leben. Für mich selbst sieht die Sache viel einfacher, viel banaler aus: Ich hasse Indiskretion. Neugier. Nachschnüffeln. Stalking.

Was geht es jemanden an, wie mein Leben außerhalb des Raumes aussieht, in dem wir uns zu seinem Vergnügen treffen? Natürlich sage ich nicht: Das geht dich nichts an. Ich übergehe stillschweigend seine Frage, ich lenke ab, werde vage, wechsle das Thema werden Dinge berührt, die ich nicht unbedingt offen legen möchte. Dazu gehört: Wo ich wohne. Wie mein Nachname geschrieben wird. Ob ich einen Partner habe oder allein lebe. Auch mein wirkliches Alter gehört dazu. Es tut doch gut, auf meine Angabe hin, bei der ich gemogelt und mich um einige Jahre verjüngt habe, zu hören: „Ich hätte dich aber viel jünger eingeschätzt“. Keine großen Geheimnisse also, keine dunkle Seite, die ich verbergen will – nur die Verteidigung eines Schonraumes, das Ziehen einer Umfriedung um den Bezirk meines privaten Lebens, das ich dadurch vor dem fordernden Zugriff meiner Kunden bewahren möchte, die mich mit Haut und Haaren für sich selbst beanspruchen.

Und Johannes ist auch einer dieser Bedränger. Wie kann ich damit umgehen? Er selbst müsste doch wissen, wie die Situation in Wahrheit ist und sich dementsprechend darauf einstellen. Aber ich weiß auch, dass es mein eigenes Verhalten ist, welches ihm seine Illusion verstärkt, nicht nimmt. Weiß ich, dass seine Illusionsverstrickung nur durch den Schock einer direkten, unverbrämten Klarstellung aufzulösen wäre: was ich einfach nicht übers Herz bringe. Ich kann nicht schonungslos aufklären, wenn Wahrheit (Und: was ist Wahrheit?) verletzen würde. „Nein, du bedeutest mir nichts. Nicht soviel, wie du es gerne hättest“. Ich kann nicht die Stimmung verderben, wenn ein trockenes „nein“ ihn aus allen Himmeln holen würde und der Termin gestört wäre. Ich kann ihm nicht sagen: “Das ich so angeschmiegt, so zärtlich bei dir liege, bedeutet nicht, dass ich nicht auch bei einem anderen Mann so bin – glaube nicht, unser Zusammensein ist Einzigartig.“
Ich beruhige mein schlechtes Gewissen damit, dass ich mir einrede: Wenn er sensibel genug ist, dann muss er an meinem Ausweichen merken, wie es um mich steht, wenn nicht, trägt er selbst die Verantwortung für seine Verblendung. Bin ich sein Lebensberater, der ihn coacht, ihm den Spiegel vorhält und ihn auf Selbstbetrug und Denkfehler hinweist? Und trotzdem: wenn er mich nur deswegen weiterhin sehen will, weil er sich Hoffnung macht, ich könnte eines Tages seine Partnerin sein, muss ich ihm diese Hoffnung nehmen. Geld hin oder her, guter Kunde hin oder her, ich bin ihm das schuldig. Ich weiß ja, er wünscht sich in Wirklichkeit eine Freundin, ich werde ihm daher sagen müssen: „Wenn du eine Freundin willst, dann suche sie dort, wo du eine findest, nicht dort, wo du für den Sex bezahlen musst. Komme zu mir zu den Bedingungen, wie sie von Anfang an bestanden haben, oder lass’ es bleiben...“ Doch bin ich mir sicher, auch das wird ihn nicht davon abhalten zu mir zu kommen und weiter darauf zu setzen, dass ich irgendwann zermürbt bin oder gerührt oder erobert und mich ergebe.

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Johannes hat auch hier ein falsches Bild von mir – nicht nur hier, in vielem – er will unbedingt glauben, Magnus habe mich zu meinem Job verführt, vielleicht sogar gezwungen. Durch psychischen Zwang, durch Abhängigkeit. Magnus sei also schuld daran, nicht ich. Das ist falsch, ist verfehlt, es gibt erstens keine „Schuld“, keinen beklagenswerten Zustand (was denkt er denn über meinen Job!), und zweitens war Magnus nicht der Anstifter und Antreiber dazu. Ich selbst habe damit angefangen, noch bevor ich Magnus kennen lernte. Freilich hat mich Magnus darin unterstützt, das stimmt, er hat nicht dagegen geredet, ich hätte mir das auch nicht gefallen lassen; und er hat auch aus dem Grund nichts dagegen gehabt, weil er sich Vorteile davon versprochen hat. Soviel ist mir heute klar. Er wollte am Gewinn beteiligt sein. Wie ein Zuhälter. Doch Anstifter dazu war er nicht.

Ich habe Johannes diese Idee nicht ausgeredet. Soll er doch denken was er mag. Soll er doch mich verklären und dafür Magnus eintrüben. Er will mich als unschuldiges Opfer sehen, dazu braucht es einen Schurken. Wieso sieht er nicht, dass ich unschuldig bin, doch kein Opfer? Unschuldig, da es keine Schuld gibt – meine Arbeit ist nichts, was irgendwie mit schlecht oder unwürdig in Verbindung gebracht werden muss, als Verfehlung angesehen werden kann.

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Ich verstehe nicht, was Magnus mir ist. Ich kann nicht loslassen, kann nicht verdammen. Doch, kann ich schon, ganz und gar, mache ich auch, aber ich ziehe keine Konsequenzen daraus. Oder nur halbherzig. Oder nur oberflächlich. Mein Kopf sagt mir, ich soll nichts mehr mit ihm zu tun haben, er schadet mir nur, doch mein Herz – aber das ist ein zu blumiger Ausdruck dafür – mein Empfinden geht einen anderen Weg.

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Mein merkwürdiger Nachbar ist mir heute noch merkwürdiger geworden. Ich grüße ihn ja schon gar nicht mehr, wenn ich ihm im Flur begegne, da ich dieses kleine Verletztheitsgefühl der Nichtbeachtung vermeiden will, das aufkommt, wenn man grüßt und nicht wiedergegrüßt wird – doch heute stand er wie eine Statue vor seiner Wohnungstür, den Schlüssel in der Hand und starrte auf die geschlossene Tür oder ins Nirgendwo. Reagierte nicht einmal mit dem kleinsten Anzeichen auf meine Gegenwart, wie in der Bewegung des Aufschließens festgefroren. Im engen Flur ist es mühselig, ohne gegenseitiges Beachten und Ausweichen aneinander vorbei zu kommen, ich fand es eine Zumutung, mit meinem Rollkoffer in der Hand an der Wand entlang streifen zu müssen, um ihn zu umgehen. Doch er rührte sich nicht. Was ist los mit ihm?

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Lebensspuren... Als kleines Kind war ich mit anderen kleinen Lebewesen tief verbunden, ich beugte mich zu ihnen hinab und ließ die Ameise über ein Blatt krabbeln oder die Schnecke einen Stängel entlang kriechen, die Raupe den abgebrochenen Zweig erklimmen. Wollte ich den Kleinen etwas Gutes tun, dann setzte ich sie in die vollste Blütenpracht, den saftigsten Blätterwuchs, denn ich dachte, wo es schön ist, ist es auch gut für sie. Oder aber, im Gegenteil, ich setzte das Krabbel-, das Kriechwesen in einer Sandöde aus, nur Matsch und kleine Steinchen und über weite Strecken nichts, was zum Fressen oder Verstecken geeignet war - ich spielte Schicksal. Manchmal denke ich, mit uns wird auch nicht anders gespielt - wir kommen mit einigermaßen ähnlichen Anlagen in die Welt (unterschieden natürlich als Ameisen oder Schnecke oder Raupe) und müssen uns durch verschiedenartige Szenarien mühen, die wir uns nicht ausgesucht haben. Ist es mein Verdienst, dass ich einen grünen Zweig als Heimstatt habe? Meine Schuld, dass er dürr ist? Was wäre aus mir geworden, wenn ich andere Startbedingungen gehabt hätte? Das lässt mich vieles verzeihen, was ich an manchem sonst als schwer erträglich ansehen müsste. Wie wäre es mir selbst unter diesen Umständen ergangen?
Im Grunde sind wir alle gleich. Die Unterschiede sind nur unwesentlich, wenn man vom Eigentlichen ausgeht. Wir alle wissen im Ursprung alles, wir alle fühlen alles, wir alle sind alles. Sind daher im Grunde eins. Nur unsere individuellen Beschränkungen machen Unterschiede aus. Die Schranken, vor denen jeder für sich steht, unsere uns eigenen Hemmnisse – und auch dort könnte man uns in Gruppen zusammenfassen. Die Geschichte unserer Kränkungen trennt uns, unser Leiden vereinzelt, bringt uns in andere Gewässer, andere Landschaften. Kann ich daher jemanden verurteilen, den ich so gut wie mich selbst verstehen könnte? Wer wäre ich an seiner Stelle? Derselbe?

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Ich muss nicht alles selbst erlebt haben. Ich kann Erfahrungen auch übernehmen. Es zeigt, wie tief wir im Grunde miteinander verbunden sind, trotz allem Trennenden, dass ich den Schrecken eines anderen mitempfinden kann. Seiner Freuden. Dass ich sein Leid mittragen kann. Ohne sein Trauma, seine Beschädigung übernehmen zu müssen.
Du sagst, es ist nicht dasselbe, ich bilde mir da etwas ein, niemand kann die Stelle eines anderen einnehmen, wir alle sind wie Inseln – ich dagegen meine, wir sind zwar Inseln, aber unter der Oberfläche des Wassers liegt der gemeinsame Meeresgrund. Meine Verbundenheit gründet tief unten. Ich bin du, und das mit jedem, mit allem. Manchmal fühle ich es so stark, bin so dankbar dafür, bin so überwältigt. Dann weiß ich: Es ist wahr. Wir sind ein Leib. Und das Alleinsein ist eine Illusion. Doch man braucht ja auch die Illusion, damit man sich nicht auflöst, damit man frei ist, selbst ist.

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Heute hatte ich einen seltsamen Traum. Träume sind oft merkwürdig seltsam, das ist ihre Art, also war nichts seltsames an seiner Seltsamkeit – jedoch wachte ich mit diesem Gefühl auf „Wie seltsam“. War es aber auch wiederum nicht – war es doch irgendwie vertraut und irgendwie auch richtig.

Ich befand mich auf einem hohen Turm – wenn ich jetzt an ihn denke, erinnert er mich an ein Bild des Pharos von Alexandria – des antiken Leuchtturms, auf den ich am Abend zuvor auf Youtube zufällig gestoßen war – wie dieser verjüngte er sich leicht von seiner quadratischen Basis zur obersten Plattform, auf der ich stand. Mit einer Fackel in der Hand. Man konnte mich also von weither in der beginnenden Dämmerung sehen. Und ich konnte weithin in die Umgebung blicken.
Nun bemerkte ich, wie von überall, von allen Seiten, Menschen zum Turm strömten, wie angezogen durch das Licht der Fackel, die ich hielt. Von meinem Turmstandpunkt aus erschienen sie mir wie winzige, krabbelnde Ameisen. Ich freute mich darüber, da ich dachte, ich kann ihnen etwas geben, ihnen zeigen, hier ist Licht, hier bin ich.

Ein unvermittelter Perspektivenwechsel: noch immer stand ich, mit der Fackel in der Hand, wie eine Statue da, doch jetzt sah ich mich selbst und den Turm und die Menschen wie von außen. Und ich bemerkte, dass im Turm viele Fenster waren, hunderte vielleicht, und jedes Fenster leuchtete in einem anderen Lichtspektrum – wenn es so viele Farben gäbe wie Fenster, dann sähe es so aus – und in jedem Fenster stand ich, die Fackel in der Hand.
Zuerst versammelten sich die Menschen stumm um den Turm, sahen nach oben zu mir, flüsterten nun miteinander, es hörte sich beinahe an wie Fliegengesumme, bald auch wie ein Krächzen, es brodelte unten, die Stimmung wurde bedrohlicher, Aufregung kam auf. Plötzlich stürmten alle auf den Turm zu, fingen an, an ihm empor zu klettern, krallten sich in den Fugen zwischen den Steinen fest, hangelten sich hoch, benutzten den Vordermann als Steighilfe, traten sich gegenseitig nieder, aufeinander, ineinander, schienen durch die Fenster in den Turm eindringen zu wollen. Mit einem Schrei erwachte ich.
Pavor nocturno, so habe ich mich selbst aufgeweckt. Warum aber dieser Traum? Ich kann ihn mit bestem Willen nicht einordnen, nur der Leuchtturm von Alexandria mag als Tagesrest erklärbar sein, doch sonst? Wie seltsam, dachte ich.

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Verschiedentlich ist mir eine Parallele zwischen meinem Job und dem eines Psychologen, eines Therapeuten aufgegangen. So habe ich es auch gehört oder gelesen. Ich glaube, ein Schriftsteller hat es direkt so ausgedrückt: der Therapeut und die Hure arbeiten beide damit, dass sie gegenüber ihrem Kunden oder Klienten völlig unvoreingenommen sind. Oder wenigstens diesem das Gefühl geben, völlig unvoreingenommen zu sein, so dass er sich frei fühlen kann, sich ganz zu öffnen. Er wird so genommen, wie er ist, ohne beurteilt oder sogar verurteilt zu werden. Jeder wird in seiner Art und mit seinen Schwächen akzeptiert, jeder kann seine Obsessionen, seine verborgenen Leidenschaften, seine weggeschlossenen Triebe, seine dunklen Zonen offenbaren, ohne dass dies moralisch anstößt und Widerwillen, Ekel, Abwehr hervorruft.

Therapeut und Hure sind großherzig. Ihr Blick ist nicht verletzend, sondern verstehend. Die Dunkelheit, die jeder in sich trägt, kann sich dadurch lichten, muss nicht dunkel bleiben. Und ist jemand in sich selbst gespalten und dadurch unglücklich, verhelfe vielleicht ich, verhilft vielleicht der Therapeut ihm durch diese Akzeptanz dazu, dass er mit sich selbst ins Reine kommen kann.
Natürlich gibt es Grenzen. Für mich jedenfalls. Ich selbst muss darum kämpfen, dass ich nicht grenzenlos auf den anderen eingehe, ich nicht meine eigenen Maßstäbe verliere. Ich muss darauf achten, dass der andere meine eigenen Grenzen nicht zu sehr überschreitet und mich dadurch überfordert. Da kommt etwas Weiteres ins Spiel, was – wie ich festgestellt habe – mich ebenso mit Therapeuten verbindet: diese richten sich nach dem Grundsatz der „größtmöglichen Nähe und der bestmöglichen Distanz“ – so wurde es mir einmal von einem in diesen Dingen bewanderten Kunden gesagt. Sofort ist mir klar gewesen: genau das ist dein Prinzip. Genau so handelst du. Instinktiv. Zum Selbstschutz.
Bei meinem Job geht es ja um Nähe. Um nah sein, näher als Nah. Und doch muss für mich der Abstand gewahrt bleiben, den ich brauche, um nicht vom anderen vereinnahmt zu werden. Manche Menschen (Männer!) möchten einen auffressen, verschlingen, ganz und gar einverleiben, einen völlig übernehmen. Dagegen hilft, wenn überhaupt, der bestmögliche Abstand – kein gleichgültiges Fremd sein, keine zurückweisende Abwehr, keine verletzende Kälte – aber ein sanfter, doch beharrlicher Rückzug in mein Geheimnis: Ich bin nicht so, wie du mich vermutest. Nicht dort, wo du mich glaubst. Ich bin in meinem Geheimnis, und das ist mein geheimes, privates Leben. Doch gerade jetzt bin ich bei dir und ganz nahe und du selbst darfst mir auch nahekommen, ich lade dich ein. Wenn ich diese Balance in einer Begegnung finde, dann habe ich das Gefühl, dass es gut ist. Ich kann dem anderen Genüge tun – ich kann mir selbst Genüge tun.

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In der Schweiz

Ellen war zerstört. War am Boden. Sie konnte nicht mehr denken. Kaum anderes war in ihrem Kopf als der Satz: Ich habe nichts mehr, er hat mir alles genommen. Nichts mehr. Alles genommen. Nichts. Alles. Um dieser Quälerei zu entkommen gab es nur eins: ihr Bewusstsein abzuschalten. Und dann in ein Auto zu laufen, geradewegs in den dichtesten Verkehr zu springen, ohne weiteres Nachdenken, , ohne Hemmung. Sich die Kontrolle aus dem Kopf trinken, die Überstimme, die sagt: ist nicht gut, wird schon wieder, warte ab. Sich die Qual aus dem Hirn trinken, diesem ständigen Wirbeln der Gedanken um Nichts und Alles.
Aus der Bank zwang sie sich auf die Straße, die Straße entlang irgendwohin, suchte den nächsten Migros, den nächste Kiosk, den nächsten Schnapsladen, irgendeinen. Wie sie in ihrem Zustand an die Flasche Whisky gekommen war wusste sie schon nicht mehr. Egal, Hauptsache, sie hielt sie in der Hand. Es musste schnell gehen, ohne Zögern, nur den Gedanken wegdrücken: Ich habe nichts mehr, er hat mir alles genommen.

Aber natürlich gelang es ihr nicht, sich auf diese Weise umzubringen. Nicht einmal ein Versuch gelang ihr. Sie wachte in ihrem Hotelbett auf, ihr Kunde lag neben ihr, Thomas (was alles hatte er mitbekommen?), elend und noch elendiger. In ihrem Kopf waberte eine Schmerzwolke, das Licht blendete und peinigte sie, ihr war von Grund auf übel und die Erinnerung an den Schock von Gestern war wieder da. Die Erkenntnis: Magnus hat mir alles genommen. Und nun kamen auch Selbstvorwürfe hinzu: Wie konnte sie nur so verblendet gewesen sein, die sichtbaren Zeichen, blinkenden Warnhinweise, schrillen Alarmsignale nicht zu beachten? Blindlings zu vertrauen, wo Überlegung wichtig gewesen wäre? Wegzuschauen statt vorzusorgen?
Da war der Vorfall gewesen, als ein Briefumschlag mit zehntausend Euro einfach so verschwand. Da war die immer drängende Forderung von ihm gewesen, sie solle ihm helfen, sein großes Projekt auf die Beine zu stellen, es wäre die ihr zugedachte Aufgabe, ja Pflicht; deswegen hätte sie überhaupt die Möglichkeit gehabt, ein Vermögen zusammen zu sparen, allein dazu: Schicksal, Vorsehung, Auserwähltsein, diese übergroße Worte nahm Magnus in den Mund um sie davon zu überzeugen, ihr Geld dafür einzusetzen.
Sie hatte sich gesperrt. Ihr Plan war ein ganz anderer: mit Vierzig genug beisammen zu haben, um sich aus dem Job zurückziehen zu können und vielleicht, bestimmt, etwas völlig anderes zu beginnen. Nicht unter Druck, nicht in einer Notlage, in aller Ruhe, da finanziell abgesichert. Vierzig wäre ein guter Zeitpunkt, hatte sie sich gedacht; der Körper fängt dann allmählich an Spuren zu zeigen, kleine Fältchen um die Augen, ein schlafferer Busen – bis jetzt dachten manche, sie hätte künstliche Brüste, so straff standen diese, so fest im Fleisch – und überhaupt wären es dann genug Jahre gewesen, die sie damit verbracht hätte, Männer zu befriedigen. Zwanzig Jahre, nicht länger. So war ihr Plan gewesen. Und wer weiß, vielleicht war dann die Chance auf eine Familie, ein Kind noch offen, biologisch noch nicht geschlossen, auch wenn im Endspurt, doch heutzutage immer noch im Bereich des Möglichen.
Nun aber: alles genommen, alles verloren. Nicht nur das Geld, auch die Zeit verloren. Die ganzen Jahre umsonst. Ihr wurde allein bei der Vorstellung an die Unzahl der Termine übel, die mit einem Schlag weggewischt worden waren. Die endlose Reihung der Männerbegegnungen: ohne Ertrag, ohne Sinn.

Thomas neben ihr schlief noch. Sollte sie den Termin abbrechen? So etwas hatte sie noch nie gemacht. Konnte sie auch jetzt nicht tun. Er hatte schließlich bezahlt, das Spiel musste weitergehen; und ab jetzt war es wirklich nur noch Schauspiel, Vorstellung, ein Elend hinter einer lächelnden Maske, der Vorhang noch offen, die Bühne noch beleuchtet. Was hatte er bemerkt? Sie erinnerte sich vage an ein Gerangel um die Whiskyflasche, die jetzt leer auf dem kleinen Beistelltisch stand, Thomas musste sie dort abgestellt haben, sie erinnerte sich an heftige Worte, an „lass mich“, „lass dass“, „ hör auf damit“, an ein verschwimmendes Dunkel, welches sich einengte und schließlich den Faden reißen ließ, der aus ihrem „Nichts mehr“ und „Alles“ bestand. Diese Reise irgendwie hinter sich bringen. Die Schweizer Berge im Rücken haben, die Heimfährt überstehen und dann? Was dann? Sie musste einen Plan haben, einen neuen Plan. Aber noch war der weit entfernt.

Die nächsten Tage, die nächsten Wochen war Ellen ein Automat. Ein Roboter auf Roboterbeinen mit einem Notfallprogramm in einem Robotergehirn. Doch sie funktionierte. Aber sie war nicht dabei, sie stand daneben. Lief neben sich her.
Magnus war und blieb verschwunden. Ohne einen Hinweis zu hinterlassen, wohin er gezogen war. Er wusste, sie konnte nicht zur Polizei gehen, ihn anzeigen und suchen lassen. Was aber sonst? Sie brachte es nicht fertig, weiterhin in den gemeinsamen Räumen zu wohnen, deshalb verbrachte sie die meiste Zeit in ihrem Arbeitsappartement, es war sowieso wohnlicher eingerichtet als die Kellerwerkstatt von Magnus. Aus der Agonie der Schockstarre war sie in einen Zustand übergegangen, in dem sich unregelmäßig Verzweiflung, Selbstvorwürfe, Wut, Hassgedanken, Rachephantasien mit Apathie abwechselten.
Und unterhalb und neben dem tiefen Gefühl der Verletzung durch den Verrat des scheinbar Nächsten an ihr lief der Gedanke immer mit: wie konnte sie nur so naiv, so dumm gewesen sein! Manchmal sogar stärker und beherrschender als der Schmerz durch den Zusammenbruch des Vertrauens stichelte, spottete oder klagte eine Stimme in ihr: du dumme Gans, wo waren deine Augen, wo deine Vernunft, wo deine Menschenkenntnis? Das stach ins Herz: die verletzte Eitelkeit, hereingefallen zu sein. Sie hätte es besser wissen können. Manchmal überfiel sie solcher Hass, dass sie vor sich selbst zurückschreckte. Das war nicht sie, sie war doch eine andere? Doch, das war sie, aber sie mochte sich dabei nicht.

Die Tage summierten sich, in denen sie ihre Routine abspulen konnte, nein, besser gesagt, in denen sie sich am Gewohnten festhalten konnte, dankbar dafür, dass es die Routine gab, das gewohnte Tun, die bekannten Gesichter, das normale Leben. Doch nichts war normal an diesem normalen Leben. Nur von außen gesehen, von innen nicht. Sie wusste: so konnte es nicht weitergehen. Nicht lange. Eines Morgens wachte sie auf und dachte: es ist Zeit, dass ich etwas tue. Ich will mich rächen. Irgendwie. Ich werde ihn finden. Irgendwie. Und was dann? Weiß nicht, aber es wird sein, was auch immer. Und sie hatte plötzlich ihren Plan.

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Im Versteck

Das Navi führte uns von der Schnellstraße weg, über die Umgehungsstraße eines kleinen Städtchens – dort überhöhte noch immer ein Kirchturm die alte Ortsmitte, doch Tankstellen, Supermärkte, Outletzentren prägten weit stärker dessen Erscheinungsbild – und weiter auf eine Landstraße, die sich Richtung Albtrauf schlängelte. Die Landschaft wurde einsilbiger, Reihen- und Einzelhäuser, Bushaltestellen, Garageneinfahrten und Vorgärten blieben zurück, schließlich auch die Hecken, welche die Schrebergartenkolonien abschirmten und der Blick weitete sich über Felder und Baumgruppen bis zum fernen Waldrand, der den Fuß des Albtraufs markierte. Mir war der Name der Ortschaft – oder Ortsteils wahrscheinlich – vorher nicht bekannt gewesen, doch irgendwie hatte er einen vertrauten Klang, wie alle diese Namen mit –stetten und –hausen und –ingen, und ich erwartete auch nicht, dass er sich wesentlich von all diesen anderen Häuseransammlungen unterscheiden würde: eine Hauptstraße, davon ein wenig abgesetzt ein Dorfplatz mit Dorfkirche, wahlweise mit wuchtigem, überdimensioniertem Wehrturm oder schlankem Neogotikaufbau, die örtliche Bäckerei, Metzgerei und der übliche DM- oder Müller-Markt, vor einiger Zeit wäre es Schlecker gewesen, etwas weiter weg, mit Parkplatz davor, Lidl oder Aldi. Ein Bankgebäude aus den 60ziger Jahren macht sich zwischen schmalen historischen Häusern breit, je näher dem Ortsrand und der freien Landschaft, desto jünger die Wohnhäuser, geordnet nach Dekaden. So in etwa würde ich es vorfinden.

Die Zeit, die zum eingegebenen Ziel noch blieb, hatte sich merkwürdigerweise die letzten 10 Minuten kaum verringert, das kam wohl daher, dass wir von der schmalen Landstraße in eine noch schmälere Nebenstraße eingebogen waren und dementsprechend langsamer fuhren. Jetzt wurde es auch kurvig, die Bäume standen dicht am Fahrweg, der Albtrauf war näher gerückt und wir unversehens in ein schattiges Tal geraten. Hier musste wohl früher ein Fernweg auf die Albhochfläche geführt haben, einen Bach entlang, der Mühlen antreiben konnte, Sägewerke, schließlich sogar Spinnereimaschinen, so wie sich die Industrie in diesem abgelegenen Tal bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrtausends entwickelt hatte. So gut entwickelt hatte, dass ihre Denkmäler noch immer standen, allerdings nicht mehr in ursprünglicher Nutzung.
Die Mühlen waren zu Wohnhäusern geworden oder Ausflugslokalen, die Sägewerke dienten jetzt der regionalen Stromerzeugung, die Textilfabriken waren irgendwann, nach einem längeren, ruinösen Dornröschenschlaf, weiß angestrichen und zum Lagerverkauf für bekannte Markenfabrikate eingerichtet worden, doch auch diese Periode war schon wieder vorüber. Magnus musste eines dieser Fabrik- oder Lagergebäude übernommen haben, der Beschreibung des Privatdetektives nach, was typisch für ihn gewesen wäre, in seinem Hang zur Übertreibung und zum Besonderen. Und so war es auch.

Wir bogen von der Straße ab, fuhren über eine etwas abschüssige Zufahrt in einen Hof. Dabei folgten wir dem verstaubtem Hinweisschild "Outletcenter", welches in Übergröße am Straßenrand aufgestellt war, überraschend in dieser abgelegenen Gegend. Schon damals, als es noch galt, musste das Schild übertrieben anspruchsvoll gewirkt haben, jetzt war es vollends absurd. Seine verwitterten Großbuchstaben, ursprünglich in kräftigem Rot, waren in ein schmutziges Rosabraun verfärbt und stimmten ein in die Melancholie des Verfalls.

Der Waldverhau am Hang jenseits der Straße und die dicht stehenden Bäume zum Bach hin umzingelten düster zwei Gebäude, Fabrik und Turbinenhaus, und die ganze Anlage wirkte verwahrlost und verlassen. Nach der langen Fahrt mit dem beständigen Fahrgeräusch im Ohr wirkte die Stille, die uns nun umgab wie eine unheimliche Leere, bis sich diese allmählich mit Bekanntem auffüllte: dem Rauschen von Wasser, dem Knarren windbewegter Bäume, dem Hämmern eines Spechts in der Ferne. Wir schienen weitab vom geschäftigem Lärm menschlichen Lebens, nur der Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel, das in diesem Augenblick vorüberflog, und sein entferntes Grollen erinnerte daran. Der Sturm der letzten Nacht hatte Laub und Äste auf den Vorplatz geweht, dort lagen sie nun und waren nur eine weitere Schicht, mit der der Wald sein Terrain zurückeroberte. Gras kämpfte sich durch die Spalten des Hofpflasters, wilder Wein klammerte sich an die Backsteinfassaden und wuchs sie zu, Moos gewann vom Rande her allmählich die Oberhand über die Dächer. Auch das Ziegelrot der Fassaden war ins Bräunliche abgedunkelt, doch es war wohl schon mehr als ein Jahrhundert her, dass es frisch geleuchtet hatte, damals, als der Komplex als Garnspinnerei errichtet worden war.

Johannes parkte den Wagen auf dem freien Platz zwischen den Gebäuden. Es ist einsam hier, dachte ich. Und irgendwie gruselig. Wir waren aus dem Auto ausgestiegen, den Knall der zugeschlagenen Tür hatte ich als Störung der Ruhe empfunden, er hatte mich erschreckt. Ich fröstelte leicht. Vom Wasser her kam Kühle auf, dass das enge Tal schon lange im Schatten lag, tat ein Übriges. Es roch nach Moder, roch nach Ruine. Nach Verlassenheit und Schwermut. Die Fahrt über waren wir schweigsam gewesen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, beschäftigte wohl mit dem, was uns erwartete, so unterbrach ich eine lange Stille, als ich vor dem Gebäude ausstieg und sagte: „Wie gruselig“. Vielleicht war gruselig das falsche Wort, „atmosphärisch merkwürdig“, „nicht sehr einladend“, „einsamkeitsmelancholisch“ wäre vielleicht milder und auch zutreffender gewesen, doch ich sagte „wie gruselig“.

Ich schaute mich um, ob ich irgendwelche Anzeichen davon finden konnte, dass in letzter Zeit etwas verändert worden war, ein Fenster gestrichen, ein Regenrohr ausgewechselt, ein neues Schloss angebracht, doch nichts dergleichen. Wohnte hier überhaupt jemand? Es war nichts zu sehen, nichts zu hören was darauf schließen ließ. Nur ein schleifendes Geräusch, welches durch eine merkwürdige Konstruktion auf dem Dach des Hauptgebäudes verursacht wurde und ein undefinierbares Klacken aus seinem Inneren waren anders als die Klangkulisse der Naturlaute ringsumher. Ich fasste das zusammengeschraubte Gestell auf dem Dach des Hauptgebäudes ins Auge, erkannte es als ein Metallgerüst, an dem ein Solarpaneel angebracht war, obenauf ein Windrad, welches jedoch beschädigt schien, Flügel hingen nutzlos herab und behinderten den Umlauf. Vom Paneel führte eine Leitung in das Innere, ebenso ein Metallstab, der mit dem Windrad verbunden war, eine Achse wahrscheinlich, in langsame Drehung versetzt durch das Rad. An der Stelle, an der Leitung und Achse das Dach durchstießen, waren die Ziegel abgedeckt und durch eine Plastikplane ersetzt worden, eine behelfsmäßige Konstruktion, wie das ganze Gebilde. Jetzt war ich mir sicher, einen Hinweis auf Magnus gefunden zu haben.

Johannes war nicht wie ich an die Stille verloren. Er stapfte zum Eingang des Haupthauses, unter seinen Stiefeln knirschten kleine Steinchen, Äste knackten, wenn er darauf trat. Zuerst versuchte er sich an einer Klingel, doch da diese stumm blieb, klopfte er an die Tür und schlug schließlich dagegen. Er rüttelte an der Türklinke, von dem Lärm musste jeder, der sich im Gebäude befand, alarmiert werden. Nichts rührte sich. "Niemand da", meinte er, als er zu mir zurück kam." Ich werde durch ein Fenster einsteigen." Er gab sich keine Mühe, leise zu sprechen, offenbar war er wirklich davon überzeugt, dass wir allein waren. Ich seufzte. "Ja", meinte ich. "Aber sei nicht so laut, wir wollen ihn schließlich überraschen."

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