Textfragmente Helena-Dreieck
Textfragmente Ellen:
Das Geheimnis meines Lebens ist dessen Käuflichkeit. Man kann sich in mein Leben einkaufen. In Wahrheit nicht in mein Leben, da achtete ich sehr darauf, das Privates privat blieb, aber in die Illusion, in meinem Leben zu sein, im Fokus meiner Aufmerksamkeit, meiner Gefühle und Wünsche zu stehen.
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Ich habe den Ehrgeiz, gut zu sein in meinem Job. So perfekt zu sein wie ich kann. Ich bin niemand, der sich für schnelles Geld bloß lustlos zur Verfügung stellt, da hätte ich das Gefühl nur Abzuzocken, keinen Gegenwert zu bieten. Außerdem ist es in meinem eigenen Interesse, jemanden so zu beeindrucken, dass er mich wieder bucht. Und die meisten meiner Kunden rufen mich wieder an, sagen, es sei für sie eine besondere Begegnung gewesen. Das nehme ich als Kompliment, und Komplimente füttern mein Ego, ab und zu brauche ich das einfach. Und das heißt eben, die Idealprojektion des jeweiligen Mannes zu sein, seine Wunscherfüllungsbegegnung.
Außerdem kann ich meine Arbeit gar nicht anders machen, als genau das zu versuchen. Auf ihn einzugehen und ihn als den zu nehmen, der er ist. Und dazu gehört, ihm das Gefühl zu geben, ich sei völlig einig mit seinen Wünschen, seinem Begehren, seiner Person. Doch nicht als willfähige Dienstleistende, sondern als ich selbst. Als begehrenswerte Frau. Ihm das Gefühl zu geben, er sei für mich einzigartig, kein austauschbares Gesicht in einer endlosen Reihe von Männerauftritten. Als hätte ich auf ihn gewartet und wir wären schon immer wie selbstverständlich zusammen gewesen. Ihm die Illusion zu geben, unser Zusammensein sei etwas Besonderes, mit nichts zu Vergleichendes.
Diese Illusion, diesen Traum gebe ich ihm als Zusatzgeschenk zu dem, wofür er bezahlt, und ich denke, es ist nichts Geringes, was er dabei bekommt: Und es ist ja auch nicht ganz und gar eine Illusion, ich kann dieses Gefühl nicht nur für ihn, sondern auch für mich erzeugen, und dann ähnelt es sehr der Realität. Wird zur Realität des Augenblickes, beschränkt auf die kurze, gekaufte Zeit, in der wir zusammen sind.
Natürlich gibt es wenig andere Momente im Leben, in denen wir uns so offen, so ungeschützt, so verbunden und empathisch so völlig ineinander verschränkt erleben können wie im Akt – Sex als Kraftsport ist etwas völlig anderes – aber was sagt das schon über den Rest des Lebens aus, welches wir beide unabhängig voneinander führen? Jedes Mal wenn jemand aufgetaucht ist, der anfing beides zu vermischen, war ich alarmiert und habe mich zurückgezogen. Früher, am Anfang meiner Arbeit, habe ich dann die Verbindung abgebrochen, wollte nicht ermutigen, mehr zu wollen, als ich zu geben bereit war, wollte keine Hoffnung schüren, wo keine Erfüllung möglich ist. Auch aus Hilflosigkeit: Was kann ich tun, was soll ich sagen? Auch aus Ängstlichkeit: Was nur will er von mir?
Heute bin ich gelassener: Ich sage mir, er ist ein erwachsener Mensch, er kennt sich aus, weiß seine Situation einzuschätzen, und wenn nicht, soll ich diejenige sein, welche jetzt die Verbundenheit stört, die ich durch meinen Einsatz bewusst hergestellt habe? Ich weiche seinen Fragen nach der Art unserer Beziehung aus soweit ich kann, werde vage und allgemein, schwäche ab, ich versuche, nichts Unwahres zu sagen. Weiß aber doch, dass seine Illusionsverstrickung nur durch den Schock einer direkten, unverbrämten Klarstellung aufzulösen wäre: was ich oft nicht übers Herz bringe.
Ich kann nicht schonungslos aufklären, wenn Wahrheit (Und: was ist Wahrheit?) verletzen würde. Ich kann nicht die Stimmung verderben, wenn ein trockenes nein ihn aus allen Himmeln holen würde und der Termin gestört wäre. Ich beruhige mein schlechtes Gewissen damit, dass ich mir einrede: Wenn er sensibel genug ist, dann muss er an meinem Ausweichen merken, wie es um mich steht, wenn nicht, trägt er selbst die Verantwortung für seine Verblendung. Bin ich sein Lebensberater, der ihn coacht, ihm den Spiegel vorhält und ihn auf Selbstbetrug und Denkfehler hinweist? Treibt er mich aber mit seinen Fragen in die Enge und kann ich nicht anders mehr als abzuwehren, dann kam es aber auch schon vor, dass ich ihn vor die Wahl stellte: Komme zu mir zu den Bedingungen, wie sie von Anfang an bestanden, oder lass’ es bleiben. Wenn du eine Freundin willst, dann suche sie dort, wo du eine findest, nicht dort, wo du für den Sex bezahlen musst.
Was der Biophysiker sich wünscht, was sich viele in Wirklichkeit wünschen ist eine Freundin, die bereit ist, sich auf alles einzulassen, was eine bezahlte Sexpartnerin aus rein professionellem Kalkül anbietet. Was sie bei mir erleben ist eine bezahlte Sexpartnerin, die wie eine Freundin ist – besser noch: wie eine ideale Freundin. Es gibt keinen Streit, keine Auseinandersetzung, keinen Stress durch Meinungsverschiedenheiten, kein Ausweichen und Nicht Wollen – keine Kopfwehausrede, keine Monatslaune, kein Geziere und Gezicke. Nur Entgegenkommen, Präsenz, Verfügbarkeit. Und auch, dass ich mich auf mein Handwerk, wie ich glaube, gut verstehe.
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Johannes... Auch so ein Fall. Wobei Fall vielleicht nicht das richtige Wort ist, er ist doch kein Patient, der mit seinem Krankheitsfall in den Akten eines Arztes vermerkt ist, und dieser Doktor wäre ich. Aber manchmal kommt mir dies genau so vor, finde ich die Metapher gar nicht so danebenliegend und vor allem gar nicht so metaphorisch. Ich kann ihm nicht sagen (wie so vieles übrigens), dass er sich ganz typisch verhält, wie vor ihm schon einige, weil ich ihm nicht das Gefühl geben will, er sei nur einer in einer Reihe von zahllosen Männerbegegnungen, in denen ich von anderen ebenso wie von ihm begehrt und umarmt werde. Was ihn verletzen würde und doch die Wahrheit wäre. Und was ihn eifersüchtig machen würde, worauf er jedoch überhaupt kein Recht hätte. Jedenfalls würde das in ein weites Feld von Empfindlichkeiten und Auseinandersetzungen führen, worin ich mich nicht verirren möchte, nicht bei meinen Terminen.
Bei diesen bemühe ich mich im Gegenteil darum, alles auszuschalten, was Harmonie und Übereinstimmung stören könnte, versuche ich, die Situation einzigartig zu machen, ein Moment außerhalb der Zeit und des Gewöhnlichen. Wie könnte ich also in einer solchen Situation zu jemanden etwas sagen, was ihn vor den Kopf stoßen oder auch nur einen kleinen Missklang erzeugen könnte?
Warum sollte ich Johannes auf seine Frage, ob ich genauso empfinde wie er, genauso geil wäre, genauso rettungslos in ihn verloren wie er in mich, nicht mit einem geseufzten Ja antworten, eingeschoben in mein sonstiges lustbezeugendes Seufzen als Reaktion auf seine Aktion? Doch wie kann er das, was in einer solchen Situation gesagt, gestöhnt, versprochen wird für bare Münze nehmen? Es ist das Spiel, das aus mir spricht, das Spiel, auf das ich mich verpflichtet fühle, nachdem ich sein Geld angenommen habe. Und er sollte das wissen, es nicht vergessen oder verdrängen.
Ist es meine Aufgabe, ihn daran zu erinnern? Nein. Meine Aufgabe ist es, die Illusion zu perfektionieren, dass er bei der Frau seiner seit Ewigkeit bestehenden Sehnsucht angekommen ist. So sehe ich meinen Job. Erwarte ich demgegenüber zu viel Realitätssinn von ihm?
Ist es zu viel verlangt, das Geschenk der Illusion anzunehmen, den Augenblick anzunehmen und ihn auszuleben, und sich trotzdem darüber im Klaren sein, das es sich um eine Illusion handelt, eine Inszenierung, einzig für ihn und zu seiner Befriedigung auf die Bühne gebracht, um ein Kunstwerk, nicht um das wirkliche Leben? Denn in Wahrheit ist es eben nicht er allein, der diese Augenblicke mit mir teilt. Er ist einer unter vielen Männerkörpern, die mich im Sex umarmen, er müsste das wissen, er weiß es ja auch, aber er will es verdrängen. Nur weil ich nicht Sexgeilheit übertreibend markiere oder gleichgültig-mechanisch agiere, sondern mich zuneigungswarm und leidenschaftlich zeige, denkt er, er würde mich ganz und gar kennen und haben.
Es gibt ja wenige Momente im Leben, in denen man sich dem anderen so nahe fühlen kann als im Akt, so ineinander verschmolzen, so versunken in die gemeinsame Choreografie der Bewegungen und Gegenbewegungen, des Tanzes der Körper, den man zusammen aufführt. Und kommt dann noch, wie bei ihm, ein bisher vergeblich gestillter Hunger nach sexueller Erfüllung dazu - zu wichtig genommen in Bezug darauf, was ein Leben sinnvoll macht - dann erhält eine solche momentane Ausnahmezeit ein zu großes Gewicht. Was für eine Überbewertung des Sexuellen! Es ist doch nur Sex! Und Sex ist nichts persöhnliches. Sex ist nichts individuelles, sondern etwas, was fast in allen Lebewesen als Elementarkraft wirkt
Als Liebende sind wir wie alle Liebenden, überall auf der Welt. Unsere fingertanzenden Berührungen, verlangenden Gebärden, unsere drängenden Bewegungen, unsere ineinander verfangenen Blicke und unser stoßweises Atemholen sind die gleichen wie bei allen, die sich dieser Art Umarmungen überlassen. Unsere leidenschaftliche Griffe, unser saugendes Zungenspiel, der Druck und Gegendruck unserer Körper aufeinander – das ist nichts einzigartiges, noch nie gewesenes: Wir sind im allgemeinsten Taumel den es gibt - das millionenalte Spiel der sexuellen Vereinigung. Wir bewegen uns in einem uralten Muster, welches wir erfüllen, nicht erfinden. Ich meine ihn und nicht ihn, wenn ich mich nach dem Abschluss seines heftigen Ansturms zärtlich an ihn schmiege, ihn die Ermattung auskosten lasse, das Gewicht meines Kopfes auf seiner Schulter, den Geruch meines Körpers vermischt mit seinem frischen Schweiß.
Und er sagt dann: „Das kann nicht gespielt sein, das ist keine Täuschung, das ist wahr“. Denn Johannes tickt wie viele, vielleicht sogar die meisten Männer: er verwechselt guten Sex mit einer guten Beziehung. Er meint, weil eine körperliche Übereinstimmung besteht, müsse auch eine tiefere Verbundenheit bestehen, das eine bedeute das andere. Er glaubt, weil ich so intensiv auf ihn eingehe, so empfänglich für ihn bin und so erregungsstark auf ihn reagiere, weil ich mich in vielerlei Hinsicht offen zeige und er sich bei mir in den Stunden oder Tagen unseres Zusammenseins völlig offenbaren kann, deswegen wäre ich auch der Mensch, der für ihn im übrigen Leben diese Rolle genauso übernehmen will. So ist es jedoch nicht.
Das, was ich zeige, braucht nicht das zu sein was ist, und das, was ist, zeige ich nicht unbedingt. Warum auch. Ich sehe nicht ein, dass meine Kunden über meine sonstigen Gefühle und über mein übriges Leben Bescheid wissen müssen. Auch Johannes nicht. Mag sein, dass mein Ausweichen ins Ungefähre, Verschleierte – für mich wichtig, um mir mein privates Rückzugsgebiet zu sichern – ihn nur noch mehr reizt, vermutete und wirkliche Schleier zu lüften.
Er sagte einmal zu mir: „Was ist dein Geheimnis? Was macht dich so anziehend? Es liegt etwas in dir verborgen und ich habe das Gefühl, ich müsste eine versteckte Tür finden und den richtigen Schlüssel dazu haben, dann könnte ich in dich eintreten und wäre in deinem geheimen Garten.“
Das sagt mehr über ihn aus als über mich. So will er mich sehen: Geheimnisvoll. Verführerisch. Nicht auslotbar. So etwas braucht er wohl in seinem Leben. Für mich selbst sieht die Sache viel einfacher, viel banaler aus: Ich hasse Indiskretion. Neugier. Nachschnüffeln. Stalking.
Was geht es jemanden an, wie mein Leben außerhalb des Raumes aussieht, in dem wir uns zu seinem Vergnügen treffen? Natürlich sage ich nicht: Das geht dich nichts an. Ich übergehe stillschweigend seine Frage, ich lenke ab, werde vage, wechsle das Thema werden Dinge berührt, die ich nicht unbedingt offen legen möchte. Dazu gehört: Wo ich wohne. Wie mein Nachname geschrieben wird. Ob ich einen Partner habe oder allein lebe. Auch mein wirkliches Alter gehört dazu. Es tut doch gut, auf meine Angabe hin, bei der ich gemogelt und mich um einige Jahre verjüngt habe, zu hören: „Ich hätte dich aber viel jünger eingeschätzt“. Keine großen Geheimnisse also, keine dunkle Seite, die ich verbergen will – nur die Verteidigung eines Schonraumes, das Ziehen einer Umfriedung um den Bezirk meines privaten Lebens, das ich dadurch vor dem fordernden Zugriff meiner Kunden bewahren möchte, die mich mit Haut und Haaren für sich selbst beanspruchen.
Und Johannes ist auch einer dieser Bedränger. Wie kann ich damit umgehen? Er selbst müsste doch wissen, wie die Situation in Wahrheit ist und sich dementsprechend darauf einstellen. Aber ich weiß auch, dass es mein eigenes Verhalten ist, welches ihm seine Illusion verstärkt, nicht nimmt. Weiß ich, dass seine Illusionsverstrickung nur durch den Schock einer direkten, unverbrämten Klarstellung aufzulösen wäre: was ich einfach nicht übers Herz bringe. Ich kann nicht schonungslos aufklären, wenn Wahrheit (Und: was ist Wahrheit?) verletzen würde. „Nein, du bedeutest mir nichts. Nicht soviel, wie du es gerne hättest“. Ich kann nicht die Stimmung verderben, wenn ein trockenes „nein“ ihn aus allen Himmeln holen würde und der Termin gestört wäre. Ich kann ihm nicht sagen: “Das ich so angeschmiegt, so zärtlich bei dir liege, bedeutet nicht, dass ich nicht auch bei einem anderen Mann so bin – glaube nicht, unser Zusammensein ist Einzigartig.“
Ich beruhige mein schlechtes Gewissen damit, dass ich mir einrede: Wenn er sensibel genug ist, dann muss er an meinem Ausweichen merken, wie es um mich steht, wenn nicht, trägt er selbst die Verantwortung für seine Verblendung. Bin ich sein Lebensberater, der ihn coacht, ihm den Spiegel vorhält und ihn auf Selbstbetrug und Denkfehler hinweist? Und trotzdem: wenn er mich nur deswegen weiterhin sehen will, weil er sich Hoffnung macht, ich könnte eines Tages seine Partnerin sein, muss ich ihm diese Hoffnung nehmen. Geld hin oder her, guter Kunde hin oder her, ich bin ihm das schuldig. Ich weiß ja, er wünscht sich in Wirklichkeit eine Freundin, ich werde ihm daher sagen müssen: „Wenn du eine Freundin willst, dann suche sie dort, wo du eine findest, nicht dort, wo du für den Sex bezahlen musst. Komme zu mir zu den Bedingungen, wie sie von Anfang an bestanden haben, oder lass’ es bleiben...“ Doch bin ich mir sicher, auch das wird ihn nicht davon abhalten zu mir zu kommen und weiter darauf zu setzen, dass ich irgendwann zermürbt bin oder gerührt oder erobert und mich ergebe.
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Johannes hat auch hier ein falsches Bild von mir – nicht nur hier, in vielem – er will unbedingt glauben, Magnus habe mich zu meinem Job verführt, vielleicht sogar gezwungen. Durch psychischen Zwang, durch Abhängigkeit. Magnus sei also schuld daran, nicht ich. Das ist falsch, ist verfehlt, es gibt erstens keine „Schuld“, keinen beklagenswerten Zustand (was denkt er denn über meinen Job!), und zweitens war Magnus nicht der Anstifter und Antreiber dazu. Ich selbst habe damit angefangen, noch bevor ich Magnus kennen lernte. Freilich hat mich Magnus darin unterstützt, das stimmt, er hat nicht dagegen geredet, ich hätte mir das auch nicht gefallen lassen; und er hat auch aus dem Grund nichts dagegen gehabt, weil er sich Vorteile davon versprochen hat. Soviel ist mir heute klar. Er wollte am Gewinn beteiligt sein. Wie ein Zuhälter. Doch Anstifter dazu war er nicht.
Ich habe Johannes diese Idee nicht ausgeredet. Soll er doch denken was er mag. Soll er doch mich verklären und dafür Magnus eintrüben. Er will mich als unschuldiges Opfer sehen, dazu braucht es einen Schurken. Wieso sieht er nicht, dass ich unschuldig bin, doch kein Opfer? Unschuldig, da es keine Schuld gibt – meine Arbeit ist nichts, was irgendwie mit schlecht oder unwürdig in Verbindung gebracht werden muss, als Verfehlung angesehen werden kann.
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Ich verstehe nicht, was Magnus mir ist. Ich kann nicht loslassen, kann nicht verdammen. Doch, kann ich schon, ganz und gar, mache ich auch, aber ich ziehe keine Konsequenzen daraus. Oder nur halbherzig. Oder nur oberflächlich. Mein Kopf sagt mir, ich soll nichts mehr mit ihm zu tun haben, er schadet mir nur, doch mein Herz – aber das ist ein zu blumiger Ausdruck dafür – mein Empfinden geht einen anderen Weg.
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Unterhalb, neben und über dem Tiefengefühl des Verletzt seins durch den Verrat des mir doch Nächsten an mir – scheinbar Nächsten muss man wohl sagen – läuft der Gedanke mit: wie konnte ich nur so dumm, so naiv sein! Manchmal sogar stärker und beharrlicher als der Schmerz durch den Zusammenbruch des Vertrauens stichelt, spottet oder klagt diese Stimme in mir: du dumme Gans, wo waren deine Augen, wo deine Vernunft, wo deine Menschenkenntnis? Auch das sticht ins Herz: verletzte Eitelkeit. Hereingefallen zu sein! Ich hätte es besser wissen können.
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Mein merkwürdiger Nachbar ist mir heute noch merkwürdiger geworden. Ich grüße ihn ja schon gar nicht mehr, wenn ich ihm im Flur begegne, da ich dieses kleine Verletztheitsgefühl der Nichtbeachtung vermeiden will, das aufkommt, wenn man grüßt und nicht wiedergegrüßt wird – doch heute stand er wie eine Statue vor seiner Wohnungstür, den Schlüssel in der Hand und starrte auf die geschlossene Tür oder ins Nirgendwo. Reagierte nicht einmal mit dem kleinsten Anzeichen auf meine Gegenwart, wie in der Bewegung des Aufschließens festgefroren. Im engen Flur ist es mühselig, ohne gegenseitiges Beachten und Ausweichen aneinander vorbei zu kommen, ich fand es eine Zumutung, mit meinem Rollkoffer in der Hand an der Wand entlang streifen zu müssen, um ihn zu umgehen. Doch er rührte sich nicht. Was ist los mit ihm?
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Lebensspuren... Als kleines Kind war ich mit anderen kleinen Lebewesen tief verbunden, ich beugte mich zu ihnen hinab und ließ die Ameise über ein Blatt krabbeln oder die Schnecke einen Stängel entlang kriechen, die Raupe den abgebrochenen Zweig erklimmen. Wollte ich den Kleinen etwas Gutes tun, dann setzte ich sie in die vollste Blütenpracht, den saftigsten Blätterwuchs, denn ich dachte, wo es schön ist, ist es auch gut für sie. Oder aber, im Gegenteil, ich setzte das Krabbel-, das Kriechwesen in einer Sandöde aus, nur Matsch und kleine Steinchen und über weite Strecken nichts, was zum Fressen oder Verstecken geeignet war - ich spielte Schicksal. Manchmal denke ich, mit uns wird auch nicht anders gespielt - wir kommen mit einigermaßen ähnlichen Anlagen in die Welt (unterschieden natürlich als Ameisen oder Schnecke oder Raupe) und müssen uns durch verschiedenartige Szenarien mühen, die wir uns nicht ausgesucht haben. Ist es mein Verdienst, dass ich einen grünen Zweig als Heimstatt habe? Meine Schuld, dass er dürr ist? Was wäre aus mir geworden, wenn ich andere Startbedingungen gehabt hätte? Das lässt mich vieles verzeihen, was ich an manchem sonst als schwer erträglich ansehen müsste. Wie wäre es mir selbst unter diesen Umständen ergangen?
Im Grunde sind wir alle gleich. Die Unterschiede sind nur unwesentlich, wenn man vom Eigentlichen ausgeht. Wir alle wissen im Ursprung alles, wir alle fühlen alles, wir alle sind alles. Sind daher im Grunde eins. Nur unsere individuellen Beschränkungen machen Unterschiede aus. Die Schranken, vor denen jeder für sich steht, unsere uns eigenen Hemmnisse – und auch dort könnte man uns in Gruppen zusammenfassen. Die Geschichte unserer Kränkungen trennt uns, unser Leiden vereinzelt, bringt uns in andere Gewässer, andere Landschaften. Kann ich daher jemanden verurteilen, den ich so gut wie mich selbst verstehen könnte? Wer wäre ich an seiner Stelle? Derselbe?
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Verschiedentlich ist mir eine Parallele zwischen meinem Job und dem eines Psychologen, eines Therapeuten aufgegangen. So habe ich es auch gehört oder gelesen. Ich glaube, ein Schriftsteller hat es direkt so ausgedrückt: der Therapeut und die Hure arbeiten beide damit, dass sie gegenüber ihrem Kunden oder Klienten völlig unvoreingenommen sind. Oder wenigstens diesem das Gefühl geben, völlig unvoreingenommen zu sein, so dass er sich frei fühlen kann, sich ganz zu öffnen. Er wird so genommen, wie er ist, ohne beurteilt oder sogar verurteilt zu werden. Jeder wird in seiner Art und mit seinen Schwächen akzeptiert, jeder kann seine Obsessionen, seine verborgenen Leidenschaften, seine weggeschlossenen Triebe, seine dunklen Zonen offenbaren, ohne dass dies moralisch anstößt und Widerwillen, Ekel, Abwehr hervorruft.
Therapeut und Hure sind großherzig. Ihr Blick ist nicht verletzend, sondern verstehend. Die Dunkelheit, die jeder in sich trägt, kann sich dadurch lichten, muss nicht dunkel bleiben. Und ist jemand in sich selbst gespalten und dadurch unglücklich, verhelfe vielleicht ich, verhilft vielleicht der Therapeut ihm durch diese Akzeptanz dazu, dass er mit sich selbst ins Reine kommen kann.
Natürlich gibt es Grenzen. Für mich jedenfalls. Ich selbst muss darum kämpfen, dass ich nicht grenzenlos auf den anderen eingehe, ich nicht meine eigenen Maßstäbe verliere. Ich muss darauf achten, dass der andere meine eigenen Grenzen nicht zu sehr überschreitet und mich dadurch überfordert. Da kommt etwas Weiteres ins Spiel, was – wie ich festgestellt habe – mich ebenso mit Therapeuten verbindet: diese richten sich nach dem Grundsatz der „größtmöglichen Nähe und der bestmöglichen Distanz“ – so wurde es mir einmal von einem in diesen Dingen bewanderten Kunden gesagt. Sofort ist mir klar gewesen: genau das ist dein Prinzip. Genau so handelst du. Instinktiv. Zum Selbstschutz.
Bei meinem Job geht es ja um Nähe. Um nah sein, näher als Nah. Und doch muss für mich der Abstand gewahrt bleiben, den ich brauche, um nicht vom anderen vereinnahmt zu werden. Manche Menschen (Männer!) möchten einen auffressen, verschlingen, ganz und gar einverleiben, einen völlig übernehmen. Dagegen hilft, wenn überhaupt, der bestmögliche Abstand – kein gleichgültiges Fremd sein, keine zurückweisende Abwehr, keine verletzende Kälte – aber ein sanfter, doch beharrlicher Rückzug in mein Geheimnis: Ich bin nicht so, wie du mich vermutest. Nicht dort, wo du mich glaubst. Ich bin in meinem Geheimnis, und das ist mein geheimes, privates Leben. Doch gerade jetzt bin ich bei dir und ganz nahe und du selbst darfst mir auch nahekommen, ich lade dich ein. Wenn ich diese Balance in einer Begegnung finde, dann habe ich das Gefühl, dass es gut ist. Ich kann dem anderen Genüge tun – ich kann mir selbst Genüge tun.
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Textfragmente Ellen: Im Versteck
Das Navi führte uns von der Schnellstraße weg, über die Umgehungsstraße eines kleinen Städtchens – dort überhöhte noch immer ein Kirchturm die alte Ortsmitte, doch Tankstellen, Supermärkte, Outletzentren prägten weit stärker dessen Erscheinungsbild – und weiter auf eine Landstraße, die sich Richtung Albtrauf schlängelte. Die Landschaft wurde einsilbiger, Reihen- und Einzelhäuser, Bushaltestellen, Garageneinfahrten und Vorgärten blieben zurück, schließlich auch die Hecken, welche die Schrebergartenkolonien abschirmten und der Blick weitete sich über Felder und Baumgruppen bis zum fernen Waldrand, der den Fuß des Albtraufs markierte. Mir war der Name der Ortschaft – oder Ortsteils wahrscheinlich – vorher nicht bekannt gewesen, doch irgendwie hatte er einen vertrauten Klang, wie alle diese Namen mit –stetten und –hausen und –ingen, und ich erwartete auch nicht, dass er sich wesentlich von all diesen anderen Häuseransammlungen unterscheiden würde: eine Hauptstraße, davon ein wenig abgesetzt ein Dorfplatz mit Dorfkirche, wahlweise mit wuchtigem, überdimensioniertem Wehrturm oder schlankem Neogotikaufbau, die örtliche Bäckerei, Metzgerei und der übliche DM- oder Müller-Markt, vor einiger Zeit wäre es Schlecker gewesen, etwas weiter weg, mit Parkplatz davor, Lidl oder Aldi. Ein Bankgebäude aus den 60ziger Jahren macht sich zwischen schmalen historischen Häusern breit, je näher dem Ortsrand und der freien Landschaft, desto jünger die Wohnhäuser, geordnet nach Dekaden. So in etwa würde ich es vorfinden.
Die Zeit, die zum eingegebenen Ziel noch blieb, hatte sich merkwürdigerweise die letzten 10 Minuten kaum verringert, das kam wohl daher, dass wir von der schmalen Landstraße in eine noch schmälere Nebenstraße eingebogen waren und dementsprechend langsamer fuhren. Jetzt wurde es auch kurvig, die Bäume standen dicht am Fahrweg, der Albtrauf war näher gerückt und wir unversehens in ein schattiges Tal geraten. Hier musste wohl früher ein Fernweg auf die Albhochfläche geführt haben, einen Bach entlang, der Mühlen antreiben konnte, Sägewerke, schließlich sogar Spinnereimaschinen, so wie sich die Industrie in diesem abgelegenen Tal bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrtausends entwickelt hatte. So gut entwickelt hatte, dass ihre Denkmäler noch immer standen, allerdings nicht mehr in ursprünglicher Nutzung.
Die Mühlen waren Wohnhäuser geworden oder Ausflugslokale, die Sägewerke dienten jetzt der regionalen Stromerzeugung, die Textilfabriken waren irgendwann nach einem längeren ruinösen Dornröschenschlaf weiß angestrichen und zum Lagerverkauf für bekannte Markenfabrikate eingerichtet worden, doch auch diese Periode war schon wieder vorüber. Magnus musste eines dieser Fabrik- oder Lagergebäude übernommen haben, der Beschreibung des Privatdetektives nach, was typisch für ihn gewesen wäre, in seinem Hang zur Übertreibung und zum Besonderen. Und so war es auch.
Wir bogen von der Straße ab, fuhren über eine etwas abschüssige Zufahrt in einen Hof. Dabei folgten wir dem verstaubtem Hinweisschild "Outletcenter", welches in Übergröße am Straßenrand aufgestellt war, überraschend in dieser abgelegenen Gegend. Schon damals, als es noch galt, musste das Schild übertrieben anspruchsvoll gewirkt haben, jetzt war es vollends absurd. Seine verwitterten Großbuchstaben, ursprünglich in kräftigem Rot, waren in ein schmutziges Rosabraun verfärbt und stimmten ein in die Melancholie des Verfalls.
Der Waldverhau am Hang jenseits der Straße und die dicht stehenden Bäume zum Bach hin umzingelten düster zwei Gebäude, Fabrik und Turbinenhaus, und die ganze Anlage wirkte verwahrlost und verlassen. Nach der langen Fahrt mit dem beständigen Fahrgeräusch im Ohr wirkte die Stille, die uns nun umgab wie eine unheimliche Leere, bis sich diese allmählich mit Bekanntem auffüllte: dem Rauschen von Wasser, dem Knarren windbewegter Bäume, dem Hämmern eines Spechts in der Ferne. Wir schienen weitab vom geschäftigem Lärm menschlichen Lebens, nur der Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel, das in diesem Augenblick vorüberflog, und sein entferntes Grollen erinnerte daran. Der Sturm der letzten Nacht hatte Laub und Äste auf den Vorplatz geweht, dort lagen sie nun und waren nur eine weitere Schicht, mit der der Wald sein Terrain zurückeroberte. Gras kämpfte sich durch die Spalten des Hofpflasters, wilder Wein klammerte sich an die Backsteinfassaden und wuchs sie zu, Moos gewann vom Rande her allmählich die Oberhand über die Dächer. Auch das Ziegelrot der Fassaden war ins Bräunliche abgedunkelt, doch es war wohl schon mehr als ein Jahrhundert her, dass es frisch geleuchtet hatte, damals, als der Komplex als Garnspinnerei errichtet worden war.
Johannes parkte den Wagen auf dem freien Platz zwischen den Gebäuden. Es ist einsam hier, dachte ich. Und irgendwie gruselig. Wir waren aus dem Auto ausgestiegen, den Knall der zugeschlagenen Tür hatte ich als Störung der Ruhe empfunden, er hatte mich erschreckt. Ich fröstelte leicht. Vom Wasser her kam Kühle auf, dass das enge Tal schon lange im Schatten lag, tat ein Übriges. Es roch nach Moder, roch nach Ruine. Nach Verlassenheit und Schwermut. Die Fahrt über waren wir schweigsam gewesen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, beschäftigte wohl mit dem, was uns erwartete, so unterbrach ich eine lange Stille, als ich vor dem Gebäude ausstieg und sagte: „Wie gruselig“. Vielleicht war gruselig das falsche Wort, „atmosphärisch merkwürdig“, „nicht sehr einladend“, „einsamkeitsmelancholisch“ wäre vielleicht milder und auch zutreffender gewesen, doch ich sagte „wie gruselig“.
Ich schaute mich um, ob ich irgendwelche Anzeichen davon finden konnte, dass in letzter Zeit etwas verändert worden war, ein Fenster gestrichen, ein Regenrohr ausgewechselt, ein neues Schloss angebracht, doch nichts dergleichen. Wohnte hier überhaupt jemand? Es war nichts zu sehen, nichts zu hören was darauf schließen ließ. Nur ein schleifendes Geräusch, welches durch eine merkwürdige Konstruktion auf dem Dach des Hauptgebäudes verursacht wurde und ein undefinierbares Klacken aus seinem Inneren waren anders als die Klangkulisse der Naturlaute ringsumher. Ich fasste das zusammengeschraubte Gestell auf dem Dach des Hauptgebäudes ins Auge, erkannte es als ein Metallgerüst, an dem ein Solarpaneel angebracht war, obenauf ein Windrad, welches jedoch beschädigt schien, Flügel hingen nutzlos herab und behinderten den Umlauf. Vom Paneel führte eine Leitung in das Innere, ebenso ein Metallstab, der mit dem Windrad verbunden war, eine Achse wahrscheinlich, in langsame Drehung versetzt durch das Rad. An der Stelle, an der Leitung und Achse das Dach durchstießen, waren die Ziegel abgedeckt und durch eine Plastikplane ersetzt worden, eine behelfsmäßige Konstruktion, wie das ganze Gebilde. Jetzt war ich mir sicher, einen Hinweis auf Magnus gefunden zu haben.
Johannes war nicht wie ich an die Stille verloren. Er stapfte zum Eingang des Haupthauses, unter seinen Stiefeln knirschten kleine Steinchen, Äste knackten, wenn er darauf trat. Zuerst versuchte er sich an einer Klingel, doch da diese stumm blieb, klopfte er an die Tür und schlug schließlich dagegen. Er rüttelte an der Türklinke, von dem Lärm musste jeder, der sich im Gebäude befand, alarmiert werden. Nichts rührte sich. "Niemand da", meinte er, als er zu mir zurück kam." Ich werde durch ein Fenster einsteigen." Er gab sich keine Mühe, leise zu sprechen, offenbar war er wirklich davon überzeugt, dass wir allein waren. Ich seufzte. "Ja", meinte ich. "Aber sei nicht so laut, wir wollen ihn schließlich überraschen."
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Textfragmente Johannes
Einmal ging ich am Strand spazieren. Kein hellweißer, anschmiegsam nachgiebiger Sand: kleine und größere Kiesel und scharfkantige Muschelbruchstücke drückten sich in den bloßen Fuß. Doch war es auf andere Weise ein Erlebnis: die Schaumkronen der Wellen verblieben eine Zeitlang auf den Steinen, markierten die Grenze zwischen den Elementen, den Übergang, und dort, wo das Wasser abgelaufen war, glänzte und funkelte es in den verschiedensten Farbnuancen. Grüngräulich, rotschwärzlich, weiß mit bläulichen Adern und glimmernden Silberfarben. Wie kostbare Edelsteine schienen mir die Fundstücke. Begeistert sammelte ich auf, was mir ins Auge fiel, bis sich meine Taschen füllten. Warf weg, was ich schon hatte, wenn ich ein noch schöneres Exemplar fand. Zuhause legte ich meine Schätze auf der Fensterbank aus, vergaß sie dann. Am nächsten Tag fiel mein Blick auf eine Reihe unscheinbar grauer Kieselsteine und ich verstand nicht mehr, wieso ich diese eingesammelt und warum ich mich so darüber begeistert hatte. War das die wahre Erscheinungsform der Kiesel, ihre Alltagsgestalt, und der Glanz am Vortag war nur illusionären Schein? War ihr bunter Zustand ihr eigentümliches, sonst verborgenes Geheimnis, durch einen glücklichen Umstand ans Licht gebracht?
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Meine kleine Terrasse umhüllt mich wie ein Nest, die Hauswand im Rücken und an der linken Seite, rechts das Mäuerchen und nach vorne der Durchgang in den schmalen Garten, über mir das Pergolagestänge mit den Weinranken. Schaue ich über den Nestrand, weitet sich der Blick ins Offene, in die felsige, gebüschüberwachsene Landschaft und den Himmel, mit der Ahnung des Meeres. Die Sonne löst sich erst allmählich aus dem Morgendunst, der vom Meer aufgezogen ist, das Licht ist noch so unbestimmt und sanft, dass es mir lichter und innerlicher erscheint als später am Tag, wenn die Konturen der Dinge in fast unbarmherziger Klarheit gezeichnet werden. Doch jetzt kann ich noch in die Weichheit der Luft eintauchen und mich selbst in die Atmosphäre ausfließen lassen. Diese Morgenstunde liebe ich; diese Morgenzeit brauche ich, um mich ganz mit meiner Existenz auszusöhnen.
Zwar wache ich noch immer viel zu früh auf (hier allerdings ein Vorteil, denn so versäume ich nicht diese Stunden), doch schlafe ich inzwischen durch, obgleich ich manchmal noch damit kämpfen muss, in den Schlaf zu kommen.
Gestern war das allerdings kein Problem. Gestern bin ich todmüde in mein Bett gefallen, war sofort weg, abgetaucht in eine Fast-Bewusstlosigkeit, ohne Einschlafqual, ohne Schlafunterbrechungen, ohne die üblichen Alpträume. Die ungewohnte Arbeit am Haus strengt mich an, doch tut sie mir offensichtlich auch gut. Vielleicht renkt sich ja doch etwas ein, was ausgerenkt war, kommt ins richtige Geleis, was entgleist war. Harmonisiert sich, was aus dem Gleichgewicht geraten war. Wenn ich Glück habe und das Wetter so bleibt wie bisher, war es vielleicht doch nicht die schlechteste Idee, hierher zu kommen und mein Unternehmen trotz alledem zu starten.
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Heuschnupfen plagt. Ich sitze hier inmitten der Kräuterfülle, die Luft sollte gewürzt sein von ihrem Duft - und meine Nase ist verstopft, ist außer Dienst. Welche traurige Verschwendung der Düfte – mein Sinn dafür ist ausgeschaltet. Gottseidank werden dafür andere Sinne nachdrücklich angesprochen: durch das Dauerkonzert der Vogelstimmen, das Flügelschwirren ihrer flinken Flugmanöver, durch die summende Geschäftigkeit von Bienen und Hummeln, dem allem unterlegten sirrenden Rauschen ihres Umherschwärmens und durch die augenfällige Pracht unzähliger Blütenstauden, umflattert von lichtleichten Schmetterlingswesen – ich bin umgeben von Sommer und Überfluss.
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Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich, wie etwas von mir gewichen ist. Ein Druck. Eine erdrückende Last. Ein Gewicht ist fort, welches die letzten Jahre auf mir gelastet hat, erst jetzt spüre ich, wie beschwerend alles für mich gewesen war. Ich war hoffnungslos eingekeilt in einen Verhau, in den ich irgendwie, irgendwann geraten war. Verheddert und verstrickt.
Gab es einen Abzweig, ab dem ich vom Weg abgekommen bin? Ich kann mich nicht erinnern, kann den Moment nicht identifizieren, ab wann ich mich verirrt hätte. War es der erste Blick auf Ellen, damals, als ich sie zum ersten Mal aufgesucht hatte? War es, schon viel früher, mein Entschluss, mich mit meiner Frau zusammen zu tun, mit dem Gedanken, dass mir wahrscheinlich nichts Besseres mehr begegnen würde, Torschlusspanik nennt man so etwas? War es etwas noch weiter in der Vergangenheit liegendes, welches mich zu dem gemacht hat, der bei allen diesen Entscheidungen nicht anders konnte?
Von mir heute aus gesehen kommt es mir jedenfalls so vor, als ob ich von einem Weg abgekommen wäre. Meinem Weg. Verirrt und schließlich verloren. Mir selbst verloren. Wo heißt es so schön „ich bin mir selbst abhanden gekommen“? – weiß nicht mehr, doch es trifft zu.
Andrerseits: Habe ich mich jetzt wiedergefunden? Bin ich der, der ich jetzt bin? Oder ist es doch nur eine weitere Kostümierung, ein anderes Scheinselbst, bloß ein leichteres, nicht so bedrückendes? Nein, das kann nicht sein, denn es ist auch ein tieferes. Und tiefer heißt doch wohl, mit mir selbst verbunden, verankert in meiner eigenen Tiefe. Wenn ich wirklich Tiefgang habe – das ist mir aber ebenso eine Frage. Tausche ich nur Illusion gegen Illusion aus? Die Illusionen, die ich mir über meine Fähigkeiten, Erfolge und Beziehungen gemacht habe gegen die Illusion, bei mir selbst angekommen zu sein, als ob ich wüsste, was mein Selbst ist und dass ich überhaupt ein eigentliches solches habe? Seelenruhe – was für ein tiefgängiges, stilles Wort, und wie passend zu dem, wie ich mich nun fühle.
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Textfragmente Magnus
Zweifel wirft mich hin und her. Meine Erfahrungen... Sind sie gewöhnliche Krankheitserfahrungen psychotischer Art - ich habe den ICD-10 Katalog dazu studiert, einiges könnte zutreffen, doch widerspricht dem, dass ich darüber grüble und zweifle - oder drückt sich in der darin festgeschriebenen offiziellen Lehrmeinung nichts anderes als eine angstbesetzte Abwehr gegen alles aus, was den enggesetzten Rahmen der alltagstauglichen Bewusstseinsverfassung aufreißen könnte? Ist der Naturalismus, der sich darin ausdrückt, nicht eher ein Bollwerk gegen den Ansturm der Bewusstseinsüberflutung, Symptom der Furcht vor der Überwältigung durch das Chaos? “Die Schlammflut des Mystizismus“ nannte es Freud, auch einer, der sich an naturwissenschaftliche Grundüberzeugungen klammerte, obgleich seine eigene Theorie nie Anerkennung als naturwissenschaftlich erhielt…
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Ich stelle mir den magischen Ort in Anatolien so vor, dass dort das erste Mal der Versuch gestartet wurde, ein Gesamtkunstwerk einzurichten. Von überallher kommen die kleinen Gruppen von Jägern und Sammlerinnen mit ihren Kindern und tierischen Begleitern und versammeln sich auf der flachen Kuppel der Anhöhe, an deren Fuß die vier Wunderquellen entspringen. Wie jedes Jahr beginnt ein Tanzen um den Ort, die menschliche Stimme in ihrer wunderbaren Vielfalt und gleichzeitiger Monotonie, begleitet von rhythmischen Trommelschlägen auf alles, was Resonanz bietet, treibt die Reihe um im Reigen, der Ort ist gesegnet, der Ort wird gesegnet. Dann das harte Arbeiten am verborgenen Tempel, eine neue Höhle soll entstehen, der Schoß der Erde wird geöffnet. Die Steinmetze brechen den T-förmigen Pfeiler mit ihren Steinkeilen aus dem Felsen, noch während der Spalt zum Muttergestein vergrößert wird, erscheint schon auf der Vorderseite der Stele das Bild der Schlange und das des Geiers, Künder des Todes und der Verwandlung. Fleisch wird Aas, Gift tötet, und doch schlüpft aus der alten Schlange eine neue, nur die Haut bleibt zurück, und während der Totenvogel weiterfliegt, kehrt die Seele ins eigentliche Land zurück.
Jahr für Jahr diese Versammlung, sie ist zum festen Bestand der umliegenden Landschaften geworden, Gruppen wechseln sich ab, schon länger Dagebliebene brechen zur Jagd auf, neue Menschengrüppchen schließen sich dem Werk an. Und immer der Tanz, die Musik der Stimmen und Trommeln, das Eins werden im Rhythmus des Reigens. Für die Bleibenden ist ein neuer Brauch eingeführt worden, der Samen der Essgräser wird unten am Hangende in die fruchtbare Erde gebracht, wenn die Zeit kommt, kann hier reichlicher geerntet als sonst werden, für den Säer selbst, bei seiner Wiederkehr, oder für einen anderen, der an seine Stelle tritt. Wie sonst könnten so viele Münder an ein und derselben Stelle über so lange Zeit Nahrung finden? Und dass das möglich ist, beweist sich hier.
Lass das ein Jahrtausend lang so weitergehen, und es hat sich hier ein Fokus installiert, der einen neuen Umgang mit der Natur vorlebt. Er strahlt noch Norden. Osten Süden, Westen aus und wird die Welt grundlegend verwandeln. Nicht nur die menschliche. Wie man heute sieht, auch die dem Menschen dadurch untertan gewordene Natur.
Ein Fokus ist installiert worden, dessen Wirkung konzentrische Kreise zieht, unmerklich fast im Leben der Einzelnen, gravierend in Generationen und Generationen gedacht. Sich ungeheuer beschleunigend heutzutage. Was soll ich dann von den anderen Versuchen in Sache Gesamtkunstwerk sagen? Wagner fällt mir natürlich ein, aber auch Arts und Kraft und wieder bin ich bei Skrjabin.