Literatur · Einträge II

Inhaltsangabe

Die „Einträge II“ entfalten ein nachdenkliches, autobiografisch verankertes und metaphysisch geweitetes Denkpanorama. Im Zentrum steht die Reflexion über das eigene Leben als einen bewussten Entwicklungsweg, der sich im Bild eines kunstvoll gewobenen Teppichs darstellt.

Biografische Prägung und die Krise des Mitlaufens

Die ersten Fäden dieses Teppichs wurden im anthroposophisch geprägten Familienumfeld geknüpft. Bestimmt von einem geistigen „Dreigestirn“ – der Großmutter (Mitbegründerin der Waldorfschule in Ulm), dem Pfarrer Gottfried Richter und dem Vater – wuchs ich in einer selbstverständlichen Welt des Geistes und der Werte auf. Früh begeisterten mich daneben die Romantiker, die Idee der sozialen Dreigliederung und ökologische Fragen. Später floss der ideelle Ansatz der Goethe-Zeit, vermittelt durch einen weiteren Mentor, in mein Architekturstudium ein, wo mich sich der organischen Bauweise widmete und in entsprechenden Arbeitskreisen mitwirkte.

Doch diese Phase des scheinbar harmonischen Mitlaufens mündete in eine existenzielle Krise. Das enttäuschte Gesicht einer Seminarteilnehmerin machte mir schmerzhaft bewusst, dass ich viele der Gedanken nur „nachgeplappert“ und aus reinem Gruppenkonsens vertreten hatte. Dieser heilsame Schock führte zu einem radikalen Rückzug: Ich brach mit den anthroposophischen Institutionen, um die Welt fortan „mit eigenen Augen“ zu sehen und eine eigene Sprache zu finden.

Der Kreisbogen der Heimkehr auf höherer Ebene

Diesen notwendigen Bruch wird symbolisiert durch einen einprägsam bleibenden Traum: Ich steht an der tiefen Baugrube einer zukünftigen Kathedrale, verlässe diesen Ort, laufe einen weiten Kreisbogen über viele Jahre hinweg ab, um am Ende wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Diese „Heimkehr auf einer höheren Ebene“ beschreibt den reifenden Prozess der Individuation.

Die Zeit des Rückzugs diente dazu, mich über das Studium anderer Traditionen – wie der Gnosis, dem Sufismus und der Alchemie – unbekannte Gegenden zu erschließen. Bei der Rückkehr zum Ursprung wird das Gegebene nicht als Irrtum verworfen, sondern mit einem „zweiten, gründlicheren Blick“ erfahrungsgesättigt und in echter Freiheit neu angeeignet.

Der Gedankensinn und der Kampf gegen die Maschinenwahrheit

Inmitten einer technisierten Welt verteidigen die Einträge das Lebendige. Sie kontrastieren die leblose, rein logische „Maschinenwahrheit“ mit der Schönheit des schöpferischen Logos und der „inspirierten Rede“. Gegen eine rein funktionale Begrifflichkeit wird ein „Gedankensinn“ beansprucht: das Vermögen, das eigene Denken phänomenologisch „wahrnehmend zu denken“ und die Gefühlstöne und moralischen Qualitäten von Gedanken bewusst zu erspüren. So wird der Unterschied zwischen einer mechanischen Phrase und einem pulsierenden Satz mit einem „Herzkern aus rubinrotem Leuchten“ unmittelbar fühlbar.

Mythos und Freiheit

Der Verlust der Mythen und des Mythos hat die Menschen „hüllenlos“ gemacht, sie frieren in ihrer Intellektualität. Dafür haben sie die Freiheit gewonnen. Und damit eingeschlossen die Freiheit, sich einen eigenen Mythos selbst schaffen zu können, einen, dem sie sich hingeben können, als ihr eigener, ihnen eigen, und der ihnen wieder der Mantel wird, den sie um sich legen können. Wieder wärmend und doch an die Wahrheit angeschlossen, nicht an die Illusion. Ein solcher Mythos wäre z.B. der Dreischritt der Weltbezogenheit: Von der Verlorenheit an die Welt – sein Selbst verloren habend – über den Rückzug in sich selbst, um dort eine innere Welt zu entdecken, die moralisch belebt und fundiert ist – führt der dritte Schritt wieder zurück in die Welt, die aber jetzt eine andere ist, da sie anders angeschaut werden kann.

Kosmische Weite: Der Blick von weither

Schließlich weitet sich die Perspektive der Einträge in den Kosmopsychismus: Das Universum wird als bewusstes Ganzes begriffen, in dem Sterne auf n-dimensionalen Ebenen kommunizieren könnten. Der Mensch, als ein im physischen Körper „zurechtgestutzter Gott“, ist ein tätiger Mitwirker an der Evolution, die sich in rhythmischen Metamorphosen und polarer Differenzierung vollzieht.

Das irdische Leben ist letztlich ein notwendiger Trittstein auf einer spiralförmigen Stufenleiter zum zentralen Licht. Aus diesem „Blick von weither“ begreift sich der Einzelne als der Avatar eines sich selbst erschaffenden göttlichen Wesens, dessen Schicksalsweg direkt zum Wachstum des kosmischen Ganzen beiträgt.