Literatur · Einträge II

Leseprobe

Teppich der Wirklichkeit, aus Gedanken gewoben

Überschaue ich mein bisheriges Leben - mein Leben als Bewusstseinsfunke, mein Sein erhellend - dann kommt mir Verschiedenes in den Sinn, was mir in Hinblick darauf bisher begegnet ist. Was meine bewusstseinsmäßige Identität ausmacht, von mir im Laufe der Zeit aufgelesen, aufgesammelt, in persönlichkeitsprägendem Annehmen von Gedanken und Vorstellungen. Ich empfinde dies nicht als etwas Allgemeines, was jeden betrifft und deshalb für jeden gilt, sondern als ein persönliches Geschenk - von wem? - an mich. Aus den Fäden, die ich aufgreifen konnte, hat sich - habe ich - allmählich das Gewebe, den Teppich meiner Wirklichkeit gewoben.

Da wäre anfangs und am frühesten, deshalb am prägendsten, die Begegnung mit der Anthroposophie. Zuerst und unbewusst aufgenommen in der Lebenshaltung und den Anschauungen meiner Großmutter, die sich in der Art und Weise, wie z.B. Weihnachten gefeiert wurde, äußerte. Auch das Christentum, in der Sonderform der anthroposophisch fundierten Christengemeinschaft - in persona vertreten durch den mit unserer Familie befreundeten Pfarrer Gottfried Richter - war Teil meiner kindlichen Welt. Mit eingeschlossen die Weltsicht, wie sie mir in der Waldorfschule entgegentrat. Nicht als Dogma gelehrt, sondern von dem Kind als Selbstverständlichkeit angenommen. Was später natürlich, im Verlauf der Entwicklung zur intellektuellen Selbständigkeit, in Frage gestellt wurde.

Doch diese intellektuelle Selbständigkeit war so selbständig nicht, wie von mir damals gedacht. Jetzt erkenne ich besser als damals die Zeit- und Modegebundenheit der Vorstellungen, mit denen ich in Berührung kam und die mich aus der Kindheit herausführten. New Age und Marxismus gleichermaßen, wobei ich in mir mehr eine Affinität zu den Vorstellungen des New Ages spürte als zu den Dogmen des Marxismus (Zutreffender sollte ich sagen, des New Ages der 60iger Jahre und der linken Strömungen dito). Linke Intellektualität traf bei mir auf keine innere Resonanz, wohl aber auf ein gewisses Interesse an den für mich neuen und fremden, mir jedoch auch oft öde scheinenden Diskursen. Viel abenteuerlicher wirkten auf mich Vorstellungen, die aus der Esoterik-Ecke kamen - heute würde man sagen Verschwörungstheorien - da sie mir wie unbefestigte Pfade neben der gut ausgebauten Autobahn des Mainstreamdenkens erschienen, auf denen ins Unwegsame abgebogen werden konnte. Und das interessierte mich (ich erinnere mich noch daran, wie ich, vielleicht mit vierzehn, eine halbe Nacht hindurch wie gebannt das Buch "Aufbruch ins dritte Jahrtausend" von J. Bergier und L. Pauwels las…)

Mein Herz aber hing an ganz anderem: In der Büchersammlung meines Vaters gab es auch eine Reihe "Erzählungen der Romantik", in welche ich mich schon als Halbwüchsiger vertiefte. Eichendorf rührte mich durch seine sehnsuchtsvolle Wehmutsstimmung an, Novalis berührte mich mit dem fernen Klang eines geheimnisvollen Tones, der sich durch seine Gedichte und Erzählungen zog. Und bei meiner Großmutter las ich Stifter und überlies mich dessen gefestigter Ruhe und Geborgenheit, durch die Sprache seiner Erzählminiaturen bewirkt. Sind das nicht seltsam altmodische Neigungen für einen Jugendlichen?

Durch meinen Vater aber wurde ich auch mit der Dreigliederung des sozialen Organismus nach Rudolf Steiner und mit ökologischen Themen bekannt (so mit dem Buch "Der stumme Frühling" von Rachel Carson), Themen, die mich ein Leben lang begleiteten, ohne dass ich mich andauernd mit ihnen beschäftigte: gesellschaftliche Strukturen und Ökologie waren für mich selbstverständliche Bezugspunkte, in die ich mich jedoch nicht besonders vertiefte, sie zu meiner eigensten Sache machte. Ich hielt sie für wichtig, aber mehr so, dass ich sie wahrnahm, immer am Rande meines eigentlichen Lebens. So spazierte ich mit Beuys (auf einem seiner Spaziergänge, für die er bekannt war) sozusagen am Vorabend der Gründung der Partei "Die Grünen", anlässlich eines Dreigliederungstreffens in Achberg/Allgäu, und befragte ihn nicht danach, sondern nach seinem Verhältnis zu Steiner und der Anthroposophie (übrigens in einer arroganten und überheblichen Haltung, ich wollte ihn zur "echten" Anthroposophie, wie ich sie damals verstand, bekehren…).

Sozialistischer Schülerbund auf der einen, die Frühromantiker mit Novalis, den Schlegels und Schelling auf der anderen Seite: das war kein Widerspruch, sondern ein tastendes Finden des eigenen Weges, in der Begegnung mit Zeittendenzen und zeitüberhobenem Vertraut-Verwandtem.

Der kurze Frühling der Romantik war eine Episode, die mir im Besonderen durch meinen Lehrer (und ich sollte auch sagen: Mentor) Lothar Vogel nahe gebracht wurde - er selbst war ganz in der Goethezeit zuhause, erfüllt von der Klassizität der Weimarer Epoche, enthusiasmiert von deren Antikenbegeisterung, Rudolf Steiner als Fortsetzer und Verwandler des Goetheanismus hochschätzend. Und war er selbst mit Goethe verbunden, befreundete ich mich eben mit den es toll treibenden Jungspunden in Nachbarschaft zu Goethe, mich an Lothar Vogel orientierend und dennoch von ihm unterscheidend. Das war mir anscheinend wichtig, um nicht ganz und gar zum Jünger eines Meisters zu werden.

Die goethische Idee eines organischen Ganzen, welches sich in allen seinen Teilen ausdifferenziert anwesend (heute würde man sagen: holistisch) zeigte, brachte ich ein in mein Architekturstudium, wo ich mich besonders mit der sogenannten Organischen Architektur beschäftigte, etwas, was damals sehr exotisch war - der Bauhausstil war noch immer Richtschnur. Da traten dann Hugo Häring, Hans Scharoun, Rolf Gutbrod, aber auch Wright oder Gaudi in mein Leben, wie auch der Jugendstil allgemein oder William Morris (diese schon durch Lothar Vogel). Und als mein Horizont sich erweiterte, erkannte ich in Architekten wie Frank Gehry, Zaha Hadid, Coop Himmelblau, Daniel Libeskind, ebenso Günter Behnisch oder Frei Otto etc. verwandte Geister, die das auf ihre Art realisierten, was meiner eigenen Intention entsprach, wohin auch ich mehr oder weniger wollte.

Lange Zeit bewegte ich mich in Kreisen, die von ähnlichen Gedanken angezogen wurden wie ich: Anthroposophie, als Menschenkunde verstanden, mit der Gestaltung von Wohnungen, Gebäuden, Gegenständen etc. zusammen zu bringen. Arbeitskreise mit Architekten von Waldorfschulen, ein kurzer, einjähriger Einstieg in die Bildhauerei in der Alanus Kunsthochschule, Ausstellungen über Imre Makovecz, die ich mithalf zu realisieren, eine Buchveröffentlichung über Prinzipien organischer/anthroposophischer Architektur, Vorträge und Seminare, die ich selbst hielt: all das war Ausdruck davon. Ich sah mich als Teilnehmer einer kulturellen Bewegung, als Mitgestalter einer menschlicheren Umwelt. Doch war ich mehr als ein Mitläufer?

Diese Frage tauchte auf, als ich in das enttäuschte Gesicht einer Teilnehmerin meines Kurses sah, die sich von mir etwas Neues und Tiefbegründetes versprochen hatte und nun die übliche Rede in solchen Seminaren hörte. "Ach, auch nur wieder davon…" Das machte mich betroffen und bewirkte wie einen Bruch mit meinen bisherigen Intentionen. Was von dem, was ich vertrat, konnte ich wirklich als das Eigene vertreten? Was war nur übernommen, nachgeplappert, aus dem Konsens mit meiner Umgebung entstanden?

Und wenn ich wirklich eigenes vorbringen würde, wie würde es in diesem Kreis aufgenommen werden - begrüßt oder als nicht konform abgetan? Das waren meine Gedanken und das Ergebnis war, dass ich mich zurückzog. Nicht nur aus der Seminararbeit etc., auch aus meiner Beschäftigung mit der Anthroposophie Rudolf Steiners. Ich wollte die Welt mit eigenen Augen sehen, nicht nur durch die Brille, die ich bisher aufgesetzt hatte. Ich wollte eigen Gedanken bilden, ein eigenes Verständnis für das, was mir begegnete, entwickeln. Selbst formulieren, in einer eigenen Sprache. Und hatte den Verdacht, dass dann mein Beitrag eher unterging, als nicht wirklich wichtig eingeschätzt werden würde. Aber beachtet werden allein aufgrund fremder Federn wollte ich nun nicht mehr. Damit begann eine andere Epoche meiner inneren Entwicklung.

Traum: Umweg und Erfüllung

Ein Traum aus der Zeit meiner Abkehr vom bisherigen Eingebettet sein in das mir Gegebene (Familiäres Umfeld, Waldorfschule, Seminararbeit, Architektenkollegen) ist mir immer noch gegenwärtig, nicht als Traum, eher wie die Chiffre eines Traums – reduziert auf seine Kernaussage.

Ich stehe am Rande einer tiefen Baugrube, in der eine Kathedrale errichtet wird (Ulmer Münster?). Dann entschließe ich mich, den Ort zu verlassen. Ich wandere, renne einen Kreisbogen entlang, eine weite Wegstrecke, viele Jahre umfassend. Am Ende schließt sich der Kreis: Ich bin wieder am Ausgangsort angekommen.

Dieses Bild hat sich mir tief eingeprägt. Ich hatte – und habe, jetzt noch verstärkt – das Gefühl: eine Heimkehr auf einer höheren Ebene. Erfahrungsgesättigt.

Gibt es prophetische Träume?

Eher selbsterfüllende Prophezeiungen, scheint mir:

Im Traum bin ich damals losgegangen, habe die Jahre wie im Nu durchmessen, um am Ende wieder den Anfang zu haben. Und so bin ich in tröstlicher Gewissheit aufgewacht. Und im Gefühl der Zuversicht und der Notwendigkeit der Trennung. Es wird nichts verlorengehen, aber viel gewonnen werden. Das hat mich begleitet.

Wenn ich daher von heute auf diesen Rückzug schaue, dann meine ich, dass er wichtig und notwendig war. Nicht, weil ich das, womit ich mich damals beschäftigt hatte, jetzt als Irrtum oder Unwichtig ansehe. Das ist es nicht. Sondern, weil ich die Distanz und den Aufenthalt in unbekannten Gegenden brauchte, um in einem großen Rundlauf zurück zu meinem Ausgangspunkt zu kommen, nun aber mit einer anderen Sicht darauf. Was ich damals wie träumerisch aufgegriffen und vertreten habe, ist mir jetzt bewusster zugänglich. Ist mir jetzt zu Eigen. Auf noch ganz andere Weise als damals.

Was ich seither geschrieben habe, ist nichts Weltbewegendes oder umstürzlerisch Neues. Doch ist es eben das Meine, und hat für mich (und vielleicht auch für andere) seine Bedeutung. Denn ich habe durch dieses Schreiben viel gelernt, das meiste, denke ich. So ist die Gnosis in mein Bewusstsein getreten (Gnosisroman/Gnosistryptichon), inklusive Magie, Alchemie, Katharer, Guillaume Postel, Sufismus, Alternativwelten etc., auch Faulhaber und Descartes sowie die Rosenkreuzer (Faulhabers Komet), ebenso Iran und Turan und die Mythologie der Narten (Der Gärtner von Samarkand) etcetera pp. Welten, in denen ich unbewusst/halbbewusst schon länger (oder immer schon?) zu Hause gewesen war. Sozusagen auf alle Themen, denen ich je, wenn auch oft flüchtig, begegnet bin, habe ich einen zweiten Blick geworfen, diesmal gründlicher und überlegter. Sie mir persönlich angeeignet. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Essenz von einem vielleicht jahrelangen Beschäftigen mit einer Sache - oder auch einer monatelangen Recherche - im Text manchmal in nur einem einzigen Satz auftritt, als verborgene Tiefe des Geschriebenen. Das lässt mich respektvoll auf vieles blicken, was ich bei anderen Schriftstellern lese und ich denke "Woher weiß der nur so viel darüber, ich könnte das nie so beschreiben…"

Der Text, in dem dieses geschrieben steht, die "Einträge", ist Ergebnis manch solcher Begegnungen mit Ideen, Gedanken, Vorstellungen, Einsichten - oft durch Bücher vermittelt, einprägsamer jedoch durch Personen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, er setzt sich fort und verästelt sich auf vielerlei Weise. Work in progress oder auch open end…

Nimm den Faden auf

Nimm den Faden auf. Er liegt da, weht vorbei, abgerissen irgendwo oder nie unterbrochen. Aus der Zeit gefallen, abgetaucht oder nie abwesend gewesen, immer im Blick. Alle möglichen Fäden gibt es. Nimm sie auf. Du bist beteiligt an einem Webwirken. Weber bist du…


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