Literatur · Gemischtes

Aus einem Leben

Es gibt Geschichten, die ergreifen. Weil sie uns dort berühren, wo wir uns mit anderen verbunden fühlen. Gleichermaßen Betroffene sind.

So habe ich von einem Säufer und Obdachlosen gehört – gelesen – der plötzlich in sich einen Gedanken fand, der ihm half, aus seiner Sucht auszusteigen. Eine Eingebung, die ihm eine neue Richtung zeigte und ihm Halt gab.

Ich stelle mir vor, wie er allein in seinem Schlafversteck im Park saß, die leeren Bierdosen vom Vortag noch achtlos im Gras verstreut (später werden sie sorgsam aufgesammelt, Dosenpfand ist wichtig), und begann, Figuren auf ein Schachbrett zu stellen. Die Reihe der weißen Bauern und dann König und Dame in der Mitte, eingerahmt von ihrem Gefolge. Die schwarzen Figurenreihen gegenüber. Und Weiß zog zuerst und danach Schwarz: er spielte gegen sich selbst. Am Ende setzte er sich selbst auch matt. Dass war der Augenblick, wo ein Gedanke in ihn schoss: So wie du dich eben selbst matt gesetzt hast, hast du es auch in deinem Leben getan. Matt. Auch da hast du immer gegen dich selbst gespielt. Niemand anderes als du hat dich in deine jetzige Situation gebracht. Und niemand anderes als du kann dir daraus helfen – wenn es gelingt. Spiele also nochmals. Und diesmal ein anderes Spiel. Nicht gegen dich selbst, allein mit dir. Mit anderen. Spiele dich aus dem Loch heraus, in das du dich verkrochen hast. Nehme dein Schachbrett und stelle es dort auf, wo andere Menschen sind. Gegenspieler, Mitspieler. Es gibt sie. Und das Spiel wird euch verbinden.

Das war die Idee, der er in seinem weiteren Leben folgte: sich in eine Fußgängerzone zu setzen und Passanten aufzufordern, mit ihm Schach zu spielen. Komm, geniere dich nicht, ich beiße nicht (habe gar nicht mehr die Zähne dazu), spiele mit mir, aus Spaß und Freude am Spiel. Ein kleines, diskretes Pappschild neben einer Schachtel machte auf die Möglichkeit aufmerksam, eine geringe Spende zu geben. Keine Bettelei. Kein Spiel um Geld. Und es funktionierte. Es gibt Passanten, die bereit sind, sich auf ein Spiel einzulassen. Schachspiel verbindet. Auch der Unterlegene zeigt seine Anerkennung: Ein Sieg ist immer verdient, es wird nicht geschummelt, wie möglicherweise beim Hütchenspiel. Und so spendet er. Mehr vielleicht noch der Siegreiche, doch dieser Fall kommt seltener vor, nach all den Jahren der Praxis in den Fußgängerzonen. So hat der (noch immer) Obdachlose seine Bestimmung gefunden. Der (nicht mehr) Alkoholiker einen besseren Lebensstil. Kein Rückzug mehr ins einsame Biwakversteck im Park, um dort den Tag im Rausch zu verdämmern. Mitten unter den anderen, verbunden, im Gespräch und im Spiel.