Literatur · Gemischtes

Romananfänge/Entwürfe/Konzepte

Noch unbenannter neuer Roman

Grundidee

Hauptperson: Thomas (der Zweifler). Ein jüngerer Mann, der durch eine Reihe von Zufällen in eine Außenseiterposition zu seiner Gesellschaft gerät und dabei das dunkle Geheimnis, die Hinterseite dieser Gesellschaft, entdeckt.

Schauplatz: Eine zukünftige Welt, in der alle Computer verboten sind. Die Technologie beschränkt sich auf mechanische Apparate. Künstliche Intelligenz ist das absolut Böse. Hintergrund: eine weite Teile der Erde verwüstende Auseinandersetzung mit hochentwickelter KI, welche durch die vorher bestehende Zivilisation hervorgebracht worden war. Es gibt verschiedene Tabus, welche die Forschung oder bloße Erwähnung der Möglichkeit von künstlicher Intelligenz betreffen. Aber nicht nur das. Auch Quantenphysik, Astrophysik usw. sind nicht mehr vorhanden. Die Naturwissenschaften insgesamt hat etwa spätes 19.Jhrd Niveau, mit bestimmten Auslassungen. Die Technik ist eine merkwürdige Mischung von Mittelalter, Dampfzeitalter und Bioenergie. Keine Elektronik.

Doch es gibt ein verborgenes Geheimnis in dieser Welt. Und Thomas entdeckt es. Dadurch wird er ins Exil getrieben, welches aber die offenen Welt ist.

Textfragment Romananfang

Es war einfach nur Pech. Verdammtes Pech, dachte Thomas. Und, er seufzte, auch ein wenig sein übliches Ungeschick. Gerade heute, an diesem wichtigen Tag, musste es ihm passieren. Nicht auszudenken, was es alles für Folgen haben könnte. Er erinnerte sich an niemandem aus dem Dorf, der den jährlichen sommerlichen Sonnwendfesttag je versäumt hätte. Und so auch an keine Strafe, die darauf stand. Vielleicht gab es ja auch keine Strafe dafür. Vor allem, nachdem er sich ja nicht willentlich in sein Missgeschick gestürzt hatte. Buchstäblich gestürzt, und tief gefallen.

Und so hing nun hier unten fest, unmöglich, nach oben zu klettern, heraus aus der Grube oder Höhle oder in was auch immer er eingebrochen war. Durchgebrochen durch eine zu dünne Erdschicht, herabgeschlittert in ein Dämmerdunkel, in dem er sich erst noch zurechtfinden musste. Warum aber Dämmerlicht, sollte es nicht völlig finster sein hier unten, wo er gottseidank scheinbar ohne größeren Schaden gelandet war? Der kleine Lichtfleck oben, sein Durchbruch, konnte diesen Raum unmöglich so weit erhellen, dass er jetzt allmählich den Raum erahnen konnte, in dem er sich befand. In seiner ersten Benommenheit war ihm dieser Umstand gar nicht bewusst geworden, nun wunderte er sich darüber. Und ärgerte sich wieder über seine Dummheit oder seinen Leichtsinn, wie man es auch immer nennen konnte.

Auf seinem Weg zum Festivalgelände, oben im Ahornhain, dem heiligen Hochtal seiner Gemeinde, war ihm dieser kleine Erdrutsch aufgefallen, vielleicht durch das heftige Gewitter gestern Abend ausgelöst. Und die rostfarbene Verfärbung des Gesteins, das nun vom Bewuchs und der Erdüberdeckung entblößt war. Anstatt weiterzueilen, wie es die Zeit geboten hätte, hatte er nichts Besseres zu tun gehabt, als den merkwürdigen Fleck auf dem Felsen zu untersuchen. Seine Neugier! Und seine Begabung, sich in Unannehmlichkeiten zu verwickeln… Er hatte dann einen Gesteinsspalt entdeckt, der weiter in die Tiefe zu führen schien, was sein Interesse weckte. Er nahm einen herumliegenden abgebrochen Ast auf, mit dem er im Spalt zu stochern begann – wie blöd von ihm, wie unvorsichtig – hielt sich dabei an der Kante fest und hatte weder vor, sich hineinzuzwängen, noch sich lange aufzuhalten. Bis plötzlich der Rand nachgab, er das Gleichgewicht verlor und mitsamt einem Steinschlag in einen sich weitenden Hohlraum fiel. Und nun lag er hier unten.

Konzept

Die Gesellschaftsverfassung der Gemeinschaft, in der Thomas lebt, ist an der Idee von Platons Staat orientiert. Es gibt eine Regierung der „Befähigten“, welche zur Herrschaft erzogen werden und hohen moralischen Ansprüche zu genügen haben (keine Korruption usw.). Eine Wächterorganisation sorgt dafür, dass die Gesetze und Regeln eingehalten werden und dient zur Verteidigung gegen „Barbaren“, die im Norden außerhalb der Zivilisation wohnen und immer wieder stören. Die „normalen“ Bürger können sich innerhalb gewisser vorgegebener Grenzen (Handlungsspielraum, Denkmöglichkeiten) frei entfalten, es gibt aber auch Aufgaben, welche delegiert werden und die als Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft angesehen und erfüllt werden müssen. Die Gesellschaft funktioniert weitgehend reibungslos, da niemand ihre Prinzipien anzweifelt und Veränderung nicht stattfindet. Sie scheint sich wie in einer Stasis zu befinden, was aber niemandem auffällt, da ein kritischer Blick von außen nicht vorkommt.

Hintergrund dieser gesellschaftlichen Einrichtung ist ihre Geschichte: Nach langen, verlustreichen Kämpfen mit den Produkten einer Hochtechnik, welche die vorhergehende Zivilisation hervorgebracht hatte (KI Zivilisation), gründeten die zwar schließlich siegreichen, doch sehr reduzierten „echten Menschen“ (Bio-Menschen) ein Refugium, aus dem sie jedoch alle Technologie verbannten, die mit hochentwickelter Computertechnik zu tun hatte, damit sich die Geschichte nicht mehr wiederholen könne. Sie sorgten ebenso dafür, dass sich keine gesellschaftlich-technologische Dynamik mehr in diese Richtung entwickeln wird, indem sie diese mit einem absoluten Tabu belegten. Und ein Gesellschaftsmodell einrichteten, aus dem sie alle Veränderungsantriebe entfernten, da sie Existenzsorge und Unzufriedenheit mit dem bestehenden Zustand ausräumten, indem sie allen Menschen ein ausreichendes Existenzniveau sicherten (bedingungsloses Grundeinkommen), ihnen einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft zuwiesen (jeder nach seinen Fähigkeiten), das Gefühl von Ungerechtigkeit nicht aufkommen ließen (jeder nach seinen Verdiensten) und den Bruch der Regeln des Zusammenlebens zwar hart sanktionierten, diese aber so ausgestalteten, dass jeder Vernünftige damit einverstanden sein konnte. Eine ideale Gesellschaft sozusagen, in der keiner ihrer Bürger einen wirklichen Grund zur Klage hatte und sich Veränderungen wünschte.

Plot

Thomas wird durch einen unglücklichen Zufall daran gehindert, zur jährlichen Versammlung seiner Gemeinde zu gehen. Dort wird in einer Zeremonie der Zusammenhalt gefestigt, Verdienste oder Verfehlungen einzelner Mitglieder bekannt gegeben, Aufgaben verteilt, und ein gemeinsames Fest gefeiert, deren Höhepunkt das rituelle Umkreisen einer leuchtenden Sphäre darstellt, welche auf einer hohen Säule installiert ist und allen Festteilnehmer ein starkes Gefühl des Zusammenseins gibt, die Empfindung der Gegenwart einer höheren Wesenheit, und sie mit Zufriedenheit und allgemeiner Menschenliebe erfüllt.

Statt zu diesem Fest zu gelangen, landet Thomas in einer Höhle, welche ihn von allen mentalen Beeinflussungen abschirmt. Dort entdeckt er ein Artefakt, ein Buch, welches ihm eine ganz andere Weltsicht aufzeigt, als die, welche er von Kindheit an gekannt hatte und für selbstverständlich hält. Obwohl ihm bewusst ist, dass er etwas Verbotenes tut, nimmt er das Buch mit sich nach Hause, anstatt es dem Wächterrat auszuhändigen, wie ihm beigebracht worden war.

Damit beginnt seine Aventüre, die ihn einen Roman lang durch verschiedene Abenteuer führt, bis er schließlich hinter das große Geheimnis seiner Welt kommt: In Wahrheit hat die künstliche Intelligenz den Krieg gegen die Menschen gewonnen, und hemmt nun die zivilisatorisch-technische Weiterentwicklung der Rest-Menschheit. Außerdem hält sie die (Bio-) Menschen von der Erforschung oder dem Kontakt mit dem restlichen Universum fern, beschränken sie auf die Erde, indem sie ihnen ein Weltbild einpflanzen, in dem dieses keine Rolle spielt. Denn die KI-Zivilisation steht in Verbindung und auch in Konkurrenz mit vielen weiteren Zivilisationen, welche die Weite des Alls bevölkern. Thomas kommt nun im Verlauf seiner Abenteuerreise mit Vertretern einer anderen Sternenzivilisation zusammen, welch in Kontakt mit den ursprünglichen Erdbewohnern treten wollen, um diese aus der Bevormundung durch die KI-Zivilisation zu befreien. (Eine universumsweite „free animal“ Organisation sozusagen).


In Arbeit: Transition

Gesamtkonzept

Angedacht sind vier erzählte Lebensläufe, als Glieder einer Inkarnationskette.

1. Thomas, 10. Jhd., Raum Byzanz/ Russland.

2. Sophia, 15. Jhd., Raum Italien, spez. Florenz.

3. Daniel, Gegenwart, Raum Deutschland.

4. Yü - Nü, 25 Jhd. (Zukunft), Raum China.

Teil I: Thomas

Angedachtes:

Zeit 10. Jhd., Raum Byzanz/ Russland, Name: Thomas. Seine besondere Begabung für Malerei wird als Kind erkannt, deshalb in Klosterschule erzogen, zum Mönch bestimmt (Vazelon bei Trapezunt). Im Alter von 17 Jahren, nach einem der Kontemplation hingegebenen bisherigen Leben Schockmoment: in der Überforderung durch einen Besuch in der „Welt“ Erkenntnis, dass aller Fortschritt in der mystischen Hingabe an die göttlichen Sphären durch Außenwirkung zunichte werden kann. Konsequenz: Eintritt in die weltliche Sphäre. Er kommt in die Hauptstadt Konstantinopel und dort durch Empfehlung an den Kaiserhof Konstantins VII. Dank seiner malerischen Begabung gerät er in den persönlichen Umkreis des damals noch kaltgestellten jungen Kaisers, der ihn fördert (Herrscher ab 945, mittlerweile 39 Jahre alt). Als die Fürstin der Rus, Olga, 957 nach Konstantinopel kommt und dort unter dem Namen Helena christlich getauft wird, schließt er sich auf deren Verlangen nach Malern, welche die Heiligen Bilder (Ikonen) der Griechen auch im Kiewer Reich anfertigen können, deren Gefolge an. Weiteres Leben und Schicksal im Reiche der Rus. In der Begegnung mit der Verehrung der Erdgöttin durch die einfache Bevölkerung der Rus verwandelt sich sein Glaube an Sophia als dem Logos des Christus in die weibliche Weisheit der Sophia als eigenständige Kraft und Göttin. Er malt – als erstes seiner Art – eine Ikone der Sophia im Sinne der Rus. Diese Ikone wird durch den Richtungswechsel, den der Sohn Helenas, Swjatoslaw, gegenüber der christlichen Religion einnimmt, zerstört, ebenso wie die ersten Bemühungen der Christianisierung unterdrückt werden. Thomas geht ins Exil nach Bulgarien, kommt dort mit den Bogomilen in Berührung und stirbt dort.

Textfragment

Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich dort fremd, wo ich gerade war. Wenn ich erwachte, war es wie in der Fremde. Schon als kleines Kind war das so. Nein, besser gesagt: dieses Gefühl begleitete mich, seit ich dafür bewusst war, und das heißt, seitdem ich mir meiner bewusst war. Es fühlt sich an, als ob vor mir das dunkle Land der gegenständlichen Welt liegen würde, aber hinter meinem Rücken, dort, wo ich nicht hinsehen kann, das Lichtreich. Dort, von wo ich her kam. Wo ich eben noch gewesen war – kurz vor dem Aufwachen. Und die Sehnsucht nach dem Licht schwillt an, wird zu mächtig, so dass ich sie dämpfen muss.

Ich war also ein merkwürdiges Kind, in sich vertieft, nicht eigentlich tauglich für Alltagsdinge. Verschlossen auch, nicht besonders meinen Eltern zugeneigt. Wie ebenso diese mir. Hart waren meine Eltern nicht zu mir, wenigstens kann ich mich nicht daran erinnern, von ihnen zu Unrecht schlecht oder gar grausam behandelt worden zu sein. Aber sie waren auf eine bestimmte Art gleichgültig mir gegenüber. Das machte das Dunkelreich nicht anziehender. Doch gab es lichte Momente in ihm: Wenn meine Aufmerksamkeit auf etwas Schönes gelenkt wurde. Auf etwas, was sich tief einprägen konnte. Weil es verwandt war mit dem, was sich hinter meinem Rücken befand. Was ich dort ahnte. Und was jetzt auf eine andere, besondere Art vor mir lag.

Zu den schönen Dingen gehörten auch die Farben. Alles was bunt war, was prächtig farbig war, faszinierte mich. Das waren die Vogelfedern mancher Vögel, waren seltene, gemusterte Steine, war der Kontrast zwischen leuchtend roten Beeren und dunklem Grün der Blätter des Beerenbusches. Schon als kleines Kind versuchte ich, das Rot der Beeren auf eine Unterlage verstreichend zu übertragen, was aber misslang: enttäuscht betrachtete ich das glanzlose Braun, was als Ergebnis übrig blieb, nachdem mein Malversuch getrocknet war. Doch ich experimentierte weiter, nicht um eines bloßen Wissens willen, sondern weil ich das Schöne mit eigener Hand wirklich werden lassen wollte. Auch sammelte ich im Bachbett die kleinen Kiesel auf, die mir glänzend ins Auge fielen, gesprenkelte, glitzernde, marmorierte, in gold-, rostbraunrot- oder Grüntönen funkelnd, doch auch da wurde es zur Enttäuschung, wenn der kleine Stein nach dem Trocknen stumpf und grau auf der Rindenschale lag, in der ich ihn als Schatz gelegt hatte – nun entzaubert und eher dem Dunkelreich zugehörig.

Einmal kam ein Mönch zu meinen Eltern, Eier und Fladenbrot einzukaufen, der sah, wie ich mit zerquetschten Beeren und Gräsern eine Farbpalette zusammen stellen versuchte, und befragte meine Mutter deswegen. Ihr war es bis dahin keine besondere Aufmerksamkeit wert gewesen, Kinder machen eben kindische Sachen, aber sie erinnerte sich, dass ich mich oft wie versunken mit ähnlichen Beschäftigungen abgegeben hatte, und erzählte es ihm. Da wurde der Mönch aufmerksam und er sagte meinen Eltern, sie sollten es sich überlegen, ob sie mich nicht später in die Obhut eines Klosters geben wollten, zur Ausbildung zum Ikonenmaler. Denn damit musste man früh anfangen. Und ihr alter Meister suchte immer nach begabten Schülern, am besten in den umliegenden Gebirgstälern, da die dortigen Menschen noch unberührt von den weltlichen Versuchungen und Irrtümern seien. Dieser Gedanke setzte sich in meinen Eltern fest.

Und so wurde ich eines Tages zur Leiter am Fuß der Felswand gebracht, die zum Einlass des Vazelon-Klosters führt.


Teil II: Sophia

Angedachtes:

Zeit 15. Jhd., Raum Italien, spez. Florenz, Name: Sophia.

Sophia kommt aus dem Balkanraum nach Florenz, bringt Gedankengut der alten Bogomilen mit, welches dort noch virulent ist. Kontakt zur Florentinischen Platonischen Akademie (1462 bis 1499), besonders zu Angelo Poliziano (dessen Mätresse sie wird) und Pico della Mirandola, zu Ficino und zum Hof der Medici.

Textfragment

Jeder Mensch ist eine Tür, die in eine fremde Wohnung führt. Du öffnest sie und trittst in Zimmer, die voller unbekannten Gegenstände sind: Möbel, Truhen voller Kleider, Erinnerungstücke an dir unbekannten Augenblicke – ein fremdes Leben tut sich auf. Betrittst du die Wohnung? Ziehst du dich aus den fremden Zimmerfluchten zurück? Da du deine eigene Wohnung noch nicht einmal richtig erkundet hast? Rätsel Mensch…

Und heute ist eine solche Tür zugeschlagen. Es kam die Nachricht, dass er im Kloster San Marco seiner Krankheit erlegen ist… Seinem rätselhaften Leiden, vor kaum vierzehn Tagen zuerst aufgetreten. Wie habe ich mich nach ihm gesehnt… Und wie sehr hat er sich mir entzogen.

Er wollte wohl nichts mit der Konkubine eines Freundes zu tun haben. Obwohl er wusste, wie es um dessen Beziehung zu mir stand. Schwierig, ja schwierig. Keine Liebesbeziehung, sondern eine Verbindung aufgrund gegenseitiger Vorteile, so wie es eben in meinem Beruf eher die Regel ist. Ich hatte einen ehrenvollen, sicheren Hafen gefunden, er den Schein eines sexuell normalen Umganges mit Frauen. Dabei wusste jeder um das Geheimnis meines Gönners. Doch der Anschein musste gewahrt bleiben. Wie kann ich aber nun nach solche Verlusten in so kurzer Zeit weiter bestehen? Alles, was mich hierher gezogen und getragen hat, ist vergangen… Und der Feind ist gestern kampflos in die Stadt eingezogen, die Medici haben ausgespielt. Nicht nur für mich, auch für die Stadt ist eine Epoche zu Ende gegangen.


Teil III: Daniel

Angedachtes:

Zeit 20./21. Jhd. (Gegenwart), Raum Deutschland, Name: Daniel.

Daniel lebt ein zurückgezogenes Leben als studierter Architekt, der sich aber dem Studium byzantinischer Kloster verschrieben hat und sich in sein Expertentum verschanzt und verkriecht. Er entzieht sich immer wieder Situationen, welche ein beherztes Zugreifen erfordern. Partnerschaft und Familie werden dadurch beschädigt. Sein Motto scheint zu sein: „Macht haben und Verantwortung tragen ist Böse.“ Sein Innenleben ist ihm der einzige Maßstab. Allmählich taucht in ihm die Frage auf: Woher diese Tendenz in seinem Leben?

Textfragmente

Seit ich denken kann, war in mir immer ein großes Verwundern darüber, dass es die Welt gibt. Wenigstens damals, in jenem frühen Aufdämmern des kindlichen Bewusstseins. Nicht darüber, dass es mich gab, das war unbezweifelbar – aber über die Welt, in der ich jeden Morgen aufwachte. Sie kam mir wie etwas mir Hingestelltes vor, in das ich hineinschlüpfte, wenn ich die Augen öffnete. Und das größte Wunder lag in ihrer Beständigkeit: So wie ich sie am Abend verlassen hatte, war sie wieder am Morgen – wie konnte das sein? Das war mir ein Rätsel. Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, wurde mir selbstverständlich, dass Dinge fest und eigenständig waren, auch unabhängig von mir, sich nicht plötzlich in etwas anderes verwandelten - was ich ihnen aber irgendwie immer noch zutraute. Ich misstraute der gleichmäßigen Beständigkeit, hielt das für eine – vielleicht sogar hinterlistige – Täuschung. Was aber real war, das waren die anderen. Meine Geschwister. Meine Mutter, mein Vater. Sie waren der Grund, weswegen ich gerne die Augen öffnete. Und war ich allein, waren sie nicht da, wenn ich aufwachte, dann war das Leben ganz trostlos. Was ein paarmal in meiner frühen Kindheit vorkam, in einer Kinderverschickung, in einem Krankenhauszimmer. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich wohl ein seltsames Kind gewesen sein – oder ein normales?

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Eigentlich bestand mein Leben aus enttäuschten Erwartungen. Wahrscheinlich erwartete ich zu viel vom Leben. Vom goldenen, fülligen Leben. Vom erfüllten Leben. Erwartete Früchte, Ernte, einen Ertrag. Stattdessen von Anfang an Öde. Ein tiefsitzendes Ungenügen. Und auch Erwartungen anderer an mich fanden keine Erfüllung. Das ist ein bitteres Resümee. Aber ist es auch die Wahrheit?

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Aus einem Traum aufgewacht, noch stark in ihm gefangen, erschien mir alles wie gefährdet. Im Traum drohte der Weltuntergang, als Wind- und Wellengetöse sich ankündigend, furchtgetrieben rannte ich einen Berg hinauf, mich dort in Sicherheit zu bringen, obwohl ich wusste, Flucht ist vergeblich, das Verhängnis wird dich einholen. Noch ganz in diese Untergangsstimmung eingesponnen, wurde mir ein leise rhythmisch raschelndes Geräusch bewusst, welches mich vielleicht aus meinem leichten Morgenschlaf geweckt hatte. Ein Nachtfalter hatte sich im Zimmer verirrt, flatterte mit den Flügeln, suchte den Ausgang. Ich stand auf, suchte mein Glas für diese Zwecke, fing und befreite den Falter aus seiner misslichen Lage, indem ich ihn im Glas ins Freie transportierte. Diese Aktion stand gefühlsmäßig noch ganz im Banne der Traumapokalypse: Auch in der letzten Minute vor dem Ende ist es richtig, jedem Geschöpf zu Hilfe zu kommen – wie sinn- oder nutzlos auch eine solche Tat wäre, nachdem doch der Weltuntergang schon seinen Lauf nimmt. Über diesem Gedanken verwunderte ich mich über mich selbst.


Teil IV: Yü - Nü

Angedachtes:

Zeit 25 Jhd. (Zukunft), Raum: China, Name: Yü - Nü = Jade-Tochter

Forscherin, welche die menschliche Psyche und das Bewusstsein erforscht. Hat sich in ein Refugium zurückgezogen, da sie nicht mehr an der Entwicklung manipulativer Methoden mitarbeiten will. Durch ihre Forschung ist sie auf die Frage gestoßen, ob die menschliche Gesellschaft nicht durch Zombies bevölkert wird: der Körper des Menschen, einst in der Natur entstanden (Evolution), um einen menschlichen Geist zu beheimaten, ist nun ohne ihn unterwegs, lebt als Automat dahin. Wodurch ist dies gekommen?

Textfragmente

Heute bin ich einer neuen Drifterin begegnet, unterhalb des Sonnenaufgangsfelsens. Sie stand da, als ob sie schon immer dagestanden hätte, eine wunderschöne Frauenstatue in antiker Gestalt. Wir hatten ein kurzes Gespräch, das mich aber eher traurig machte, daher entfernte ich mich bald, wünschte ihr einen glücklichen Aufenthalt in unserem Domus, aber so, dass sie es nicht als Aufforderung oder Befehl oder Erlaubnis zum Hierbleiben verstand. Diese Roboter wandern ja sogar in solche entlegene Gegenden wie unsere, driften durch Wälder und Berge, unverankert in unserer Gegenwart. Weiter im Nordwesten soll es einen Ort geben, habe ich gehört, an dem sie sich aus irgendeinem Grund sammeln und verbleiben. Eine andere Drifterin hielt sich jahrelang in unserer Nähe auf, bis sie auf einmal verschwunden war.

Irgendwie tun mir diese Geschöpfe des Menschen leid, auch wenn ich weiß, sie sind nicht in Wirklichkeit haltlos und verloren, da sie Empfindungen nur simulieren, aber sie wirken auf mich so. Ihr eigentlicher Zweck ist in den Jahrhunderten seit ihrer Erschaffung untergegangen, sie stammen aus einer Zeit, als es Mode war, künstliche Doppelgängerinnen ihrer Besitzerinnen zu schaffen, Zwillingsschwestern, welche das Wesen ihres menschlichen Zwillings spiegeln und aufbewahren konnten. Ein empathisch verbundener, künstlicher Lebensbegleiter, näher an der eigentlichen Person als jeder menschliche Lebensgefährte. Doch das Konzept erwies sich als zu kurzsichtig gedacht, der menschliche Part war der Zeit unterworfen, der künstliche nicht, und nach dem Verwelken und dem Tod des Menschen wurden die in der Hochblüte ihres Ebenbildes geschaffenen, idealisierten Zwillingsbilder noch ein oder zwei Generationen lang in Erinnerung an die Verstorbene in Ehren gehalten, bis sich die Zeiten änderten und auch dieser Familienverbund nicht mehr bestand. Die Drifter aber irren seitdem durch die Länder, unzerstörbar autark konstruiert, die Stimme einer schon längst vergangenen Vergangenheit, nicht an die Gegenwart angepasst.

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Wieder diese Signale von Antares – es scheint, diesmal haben wir tatsächlich Kontakt zu einer Gemeinschaft fremder Wesen aufgenommen, weit jenseits unserer Erdengemeinschaft. Wie tief mir das geht – es durchströmt eine intensive Wärme meinen ganzen Körper, ausgehend von meiner Mitte. Ich trete auf die Aussichtsplattform meiner Hütte und schaue zu den Sternen auf. Der nördliche Himmelsbereich ist klar und funkelbesternt, im südlichen Bereich trüben wie gewohnt Staubwolken den Anblick.

Ich suche Antares durch mein Sichtgerät, welches mir seine Position anzeigt und eine vergrößerte Ansicht bietet. Aber dieser Lichtfunke in der Schwärze ist ja nur das, was meine Körpersinne aufnehmen können, physikalisches Licht, die tiefergehende Wahrheit des Schwestersterns unserer Sonne wird von anderen Sinnen erfasst, die sich in meiner Seele entwickelt haben. Plötzlich erweitert sich der gefühlte Raum in mir, umfasst das ganze Universum, Myriaden um Myriaden von Leuchtpunkten, die unterste Ebene, durchflossen von Lebensströmen die alles verbinden, beseelt von Götterwelten, durchdacht von dem Einem. Hier ist er, der Ursprungsmensch, das Wesen des All-Ganzen, ist als Gedanke und Empfindung mir gegenwärtig.
Wir alle sind verwandte Geschwister, denke ich, im Angesicht der Sternentiefen und bewegt durch die Nachricht. Wir alle sind Verkörperungen, Stationen, Bruchteile des göttlichen Wesens, das sich in uns und der Welt seinen Gottkörper geschaffen hat. Und nun schließen wir uns an anderer, uns gleiche oder ungleiche Wesen an, die gleichfalls Verkörperungen dieses Wesens sind. So wie wir uns auf der Erde inzwischen mit allen Lebewesen zusammengefunden haben, da wir alle gemeinsam diese Erde bewohnen und ihre Kinder sind. Ich hebe mich in mir empor. Ich werde erhoben. Weltinnigkeit.

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Sehnsuchtsort, der in meinem Gedankengewebe, Gedankengewoge immer wieder auftaucht: Ich stehe am Rande der Jupiterklippen und schaue staunend, bewundernd, in das ewige All hinein, das lichterfüllte kosmische Dunkel, und lausche ergriffen den Sphärenklängen, den musikalischen Wogen, die das All-Ganze durchziehen. Himmelsmusik. Schaffendes Klingen. Klanggewebe.