Romananfänge/Entwürfe/Konzepte
Erzählungen und Romane entstehen bei mir oft durch einen Ideenkeim in Form eines Erzählanfanges – die Frage, wie könnte es weitergehen, führt zu einem Projekt – oder bleibt erstmals beiseitegelegt unbeantwortet.
Krimi
Es war schiefgelaufen. Völlig danebengegangen. Irgendwie umgekippt und nicht mehr rückgängig zu machen. Hilflos starrten die Teilnehmer der Party auf die in qualvoller Pose daliegende Tote, ein Fakt, der aus einer eher harmlosen Inszenierung ein Verbrechen gemacht hatte – durch ihren realen Tod, ihre realen Ängste und Schmerzen. Wer hätte das schon gewollt? Freizeitvergnügen hieß doch, Zeit in lustvoller Erregung zu verbringen, unter sich, an der Grenze zum Erlaubten, aber doch nicht darüber hinauszugehen. Aber wo war heute schon diese Grenze, es gab doch schon längst keine Grenze mehr, die Verbotenes von Unverfänglichem trennte – außer gerade diese. Die Existenz eines anderen auszulöschen. Ihm Schmerzen ohne sein Einverständnis zuzufügen.
Das war nicht Sinn der Inszenierung gewesen. Keine reale Grenzüberschreitung. Nur Spiel. Nur Vortäuschung. Wie in einer Computersimulation. Wie im Theater. Am Schluss stehen die Akteure auf, verbeugen sich und treffen sich nach der Aufführung in der Theaterbar. Oder in einer anderen angesagten Kneipe. Und jetzt würde diese Darstellerin nie wieder am Tresen sitzen, ihr wohlverdientes Geld in der Handtasche, mit dem befriedigenden Gefühl, einen guten Job gemacht zu haben, und nun das Geschehene nach einem Drink hinter sich zu lassen und durch ein Gespräch über unverfängliche Themen mit irgendjemanden aus dem Gedächtnis streichen zu können….
(Hat seine Gründe, warum der Einstieg nicht über diesen Absatz hinausgegangen ist. Man sollte nicht im fremden Terrain wildern, auch wenn man mit leichtem Neid feststellt, dass auf diesem Gelände fette Beute zu machen ist…)
Anfang einer Geschichte
Ein kleiner, grün-glänzender Käfer balanciert auf einem Grashalm, der ungeschickte Tollpatsch (wie kann ein Insekt überhaupt ungeschickt sein?) verliert den Halt und landet zappelnd in einer nicht allzu großen Pfütze vor deinen Füßen. Nicht allzu groß für dich, für den Käfer allerdings ein Ozean. Bald wird er ausgezappelt haben, denkst du. Nun spielst du Schicksal: wenn du es so willst, zupfst du einen anderen Grashalm vom Wegrand und schiebst ihn so unter das kleine Insekt, dass es Fuß fasst und daran emporklettert – oder du lässt es sein. Warum einen Käfer retten und wozu? Dafür, dass ihn im nächsten Moment eine Amsel als Futter erspäht und du somit eigentlich dem Vogel geholfen hast? Und was bedeutet schon die Rettung eines einzelnen Käfers - im Umkreis allein dieser Wiese gibt es unzählige davon, und wie viele werden gerade in diesem Augenblick Beute eines Insektenfressers oder Opfer ihrer mangelnden Kletterkünste (wie dieser Unglückliche vor dir)?
Doch du beugst dich nieder, nimmst den Halm, ziehst den erschöpften Unglückskäfer an Land und trägst ihn zu einem dichten Gestrüpp, in dem er sich vorläufig verstecken kann, obwohl du nichts über seine Art, seine Lebensweise und Fressgewohnheiten weißt und damit auch nicht, ob es sein Habitat ist und es Sinn macht, was du da tust. Dein Gewissen – man sollte vielleicht sagen dein Kind-Gewissen – hat dir deine Handlung eingegeben
Für einen Augenblick warst du ein mächtiges Wesen, das einem anderen, schwächlichen, zu Hilfe kommt und ihn aus einer hoffnungslosen Lage befreit. Es gibt sie also doch, die mächtigen Götter, Engelwesen oder Schicksalskräfte, welche unvorhergesehen eingreifen und Dinge zurechtbiegen, die ausgleichen und retten. Wenigstens für diesen Käfer trifft das zu. Und in Bezug auf ihn ist es auch egal, ob ein anderer Käfer gerade in einem Vogelmagen landet oder von einem Fahrradfahrer zermatscht wird, dieses kleine Individuum (ob es sich als solches fühlt, oder ob es überhaupt fühlt, ist dabei uninteressant) ist noch einmal davongekommen und kann vorläufig weiterkrabbeln.
Von ganz weit oben betrachtet, aus der Sicht eines in unserem Sinne wirklich mächtigen Wesens (um nicht gleich von einem allmächtigen Wesen zu reden), krabbeln wir selbst doch auch nur auf einer winzigen Wiese umher, klettern mühevoll auf Grashalme und fallen manchmal herunter, landen auf dem Rücken und zappeln, bis wir, wenn’s gut geht, wieder Tritt fassen – oder in der Pfütze ertrinken.
Wäre es nicht schön, wenn dir dann ein solches allmächtige Wesen – aus welcher Absicht auch immer, ob aus bloßer Laune, gedankenlos nebenbei, oder in vollem Bewusstsein – wieder auf die Beine helfen würde? Und wenn so etwas passieren würde- auf welche Weise, in welcher Form auch immer – was würdest du darüber denken? Würdest du das als Beweis nehmen, dass es dir gewogene, gütige Mächte tatsächlich gibt? Oder eher annehmen, dass das Universum viele Überraschungen bereit hält, unter anderem sogar positive?
Ich selbst habe eine solche Erfahrung gemacht und weiß noch immer nicht, wie ich mein Wunder einordnen soll. Ich kenne einfach die Regeln nicht, nach denen das Universum funktioniert und welche Wesen es alles bevölkern. Also kann ich wenig dazu sagen und bleibe in meiner Meinung offen. Nur die Erfahrung selbst kann ich nicht abtun, und halte mich an sie, wie an ein Leuchtfeuer, an dem ich schon vorbeigesegelt bin, doch noch immer zur Orientierung im Rücken habe - aber allmählich sinkt es unter den Horizont und verblasst in der Erinnerung…
(Noch ist keine Geschichte daraus geworden: Als Erzählung von einem schicksalshaften Ereignis, welches das Leben des Erzählers umgestellt hat.)
Möglichkeit einer Erzählung
Vor kurzem bin ich an einem Garten vorbeigekommen, blieb stehen und konnte nicht weitergehen. Erst durch mein Stehenbleiben – wohl unbewusst geschehen – merkte ich auf und war durch das idyllische Bild gebannt, das ich durch das Gartentor erblickte. Es war halb geöffnet, eine Einladung, dort einzutreten, aber ich widerstand der Versuchung und blieb draußen. Nur mein Blick forschte in die Tiefe, suchte zwischen hochaufgeschossenen Blumenstängeln und blühenden Büschen hindurch das Areal auszuspähen.
Idylle sage ich, weil es mich an ein Postkartenbild erinnerte, oder an Bilder dieses schwedischen Malers, dessen Namen mir gerade entfallen ist. Dort habe ich ebenso solche Blumenrabatte und glänzende Keramikkugeln und geschwungene, beharkte Kieswege gesehen und die Ahnung eines frühlingsfrischen, sommervollen oder herbstfruchtigen, doch verlorengegangenen Paradieses gehabt. Wie jetzt. Der Garten war in Wahrheit nicht groß, wirkte jedoch durch seinen verborgenen Teil geheimnisvoll und wie unendlich, war geordnet, arrangiert und gleichzeitig naturnah, mit einem Hauch von Verwilderung.
Mir kam plötzlich der Gedanke, dass ich in keinster Weise Gärtner war, mit Gärten nichts zu tun hatte, keine Pflanzen pflegte oder vielleicht sogar mit ihnen redete, mich nicht um den kleinsten Blumentopfinsassen kümmerte oder um irgendein anderes Lebewesen. Die Sorge um etwas, was wächst und bewässert oder zurückgestutzt werden musste, war mir völlig fremd. Mein Leben war anders. Und für einen kurzen Moment fand ich das merkwürdig und irgendwie nicht richtig und ärmlich. Wie wenn ich nicht genug Verantwortungsgefühl oder Ernsthaftigkeit in mir hätte, nicht genug Hingabe, nicht genug Sinn für Praktisches, um einen Garten zu pflegen. Nicht genug Erde und Verwurzelung.
Ich dachte an die Gärten, welche im Laufe der Geschichte angelegt worden waren, gehegt von Menschen, in einem ständigen Bemühen um Fruchtbarkeit und Ordnung gleichermaßen, um Lebendigkeit und Formerhaltung (um den Wildwuchs zu bändigen) und schämte mich vor ihnen. Wie weit entfernt davon war meine eigene Existenz…
Und dann kippte ich diesen Gedanken, stellte ihn auf den Kopf oder die Füße, je nachdem, und sagte mir, dass mein Leben heute viel reicher, intensiver, informationsdichter ist, als es je in einer dieser gartengebundenen Zeiten hätte sein können – ich bin schließlich nicht auf einen winzigen Fleck im Universum beschränkt, dessen Pflege mein einziger Lebensinhalt ist, dürftig und dumpf und irgendwie sterbenslangweilig. Ich brauchte mich nicht zu schämen. Ich sollte eher froh über die Möglichkeiten sein, die mir dadurch offenstanden, dass ich nicht so Erdverbunden war, abhängig von Natur, Wachstum, Wetter, sondern frei von romantischen Zurück-zur-Natur Fantasien. Aber ein Rest blieb. Ein doch schmerzliches Gefühl von Verlust und Bedauern über Unzulänglichkeit. Ein Mangel war da…
(Dieser Textanfang ist in sich so stehengeblieben, wurde nicht weiterentwickelt – aber ein Samen ist auf fruchtbaren Boden gefallen, der sich zum „Gärtner von Samarkand“ auswuchs…)