Literatur · Gemischtes

Dear Mr. President

Der Präsident eines sehr mächtigen Staates saß, aus irgendeinem Grund allein, und, wie er glaubte, unbeobachtet, am Frühstückstisch und ließ plötzlich das Schriftstück sinken, das er während der letzten Minuten mit leerem Blick wie abwesend vor sich gehalten hatte, es scheinbar studierend, doch ohne die Worte wirklich zu verstehen, die seine Lippen vor sich hin murmelten. Der Traum der letzten Nacht beschäftigte ihn. Mehr als der Report über ein nebensächliches Ereignis, hochgepuscht durch bestimmte Medien, für ihn nicht überraschend, da er schon wusste, was er lesen würde – hatten doch seine Jungs die ganze Sache gut im Griff.
Hatte ihn wirklich sein Vater, der als Engel erschien, oder auch andersherum, mit donnernder Stimme aufgefordert, nach draußen zu gehen, und als er auf die Veranda trat (sie ähnelte sehr der Veranda seines Elternhauses), war der vertraute Vorgarten seiner Kindheit nicht da, stattdessen stand er auf der Plattform eines hohen Beobachtungsturmes, vor ihm eine bis zum Horizont fluchtende, weite Landschaft – eine Panoramaansicht der Welt, mit Ozeanen, Gebirgen, Ebenen, Flüssen, Städte und Straßen, Verkehr und Menschenmengen. Und die donnernde Stimme sagte: Es ist Zeit.
Die Panoramaansicht hatte sich in eine Weltkarte verwandelt, die auf der rechten Seite in Flammen stand, ein Feuer brannte sich durch die Zeichnung, von Ost nach West, bis die grelle Hitze auch ihn auf seiner Veranda erreichte und er erschrocken zurückwich – und erwachte. Es war ihm heiß gewesen, verwickelt in seine Decke hatte er geschwitzt, wie bei einem Fieberanfall. Doch gleich war alles wieder normal, er fühlte sich auch nicht krank: Hatte der Traum ihn ins Schwitzen gebracht oder der Schweißausbruch ihm den Traum eingegeben? Und was bedeutete diese Szene?
Sie erinnerte ihn an die Bibel, an die dort beschriebenen effektvollen Bilder des Weltuntergangs. Der doch irgendwie auch mit Feuer zusammenhing – und gab es da nicht auch Prophezeiungen dazu? Da er Präsident war und ein eher praktischer Mensch, keiner, der lange in Gedanken vor sich hin grübelte, beschloss er, seinen Referenten zu beauftragen, ihm Material darüber zu beschaffen. Über die Bibel, das Armageddon, die Prophezeiungen. Nach diesem Entschluss konnte er sich endlich dem Report widmen, d.h., er las ihn nicht, sondern legte ihn neben sich auf die Ablage, um mit dem Frühstück richtig anzufangen. Die Routine des Tages begann.

Irgendwann fiel ihm sein Entschluss vom Morgen wieder ein und er notierte eine Anweisung an seinen Referenten, ihm eine kurze Zusammenfassung über Weltuntergänge und Prophezeiungen vorzulegen. Persönlich und vertraulich. Der Referent hatte gute Arbeit geleistet, er lieferte ihm einen umfangreichen Beschrieb mit Quellenhinweisen und Originalzitaten, doch das sollte dieser doch wissen, dass ihn das nicht sehr interessierte, war viel zu viel zu lesen, er warf nur einen kurzen Blick darauf und überflog dann die Zusammenfassung. Bei den Weltuntergangsvorstellungen der Mayas hielt er sich nicht lange auf, heidnisches Zeug, aber er vermerkte dennoch interessiert, dass der jetzige Zeitverlauf der Weltzyklen im Feuer enden sollte – war das die Entsprechung zu seinem Traum?

Die biblisch Apokalypse war ihm vertrauter, er erinnerte sich an die Gruselstimmung, die er als Kind hatte, wenn er sich Bilder von den Gerichteten ansah: derjenigen, die in weißen Gewändern als Gerettete dastanden, eine unzählige Menge - aber noch viel interessanter und gruselig war die Menge der Unglücklichen, die in den Abgrund gestoßen wurden, erbärmlich, nackt und hässlich, in braunen Farben gemalt, man konnte ihre Schreie fast hören, wenn sie von den Teufeln an den Haaren davongezerrt wurden. Das war doch die rechte Art von Jüngstem Gericht.
Natürlich, das Jüngste Gericht: er erinnerte sich nun, dass einiges zu geschehen hatte, bevor es eintreten konnte (als dem endgültige Finale, dem Abschluss aller Geschichte, dem Ziel, auf das alles ausgerichtet war). Und was war es noch, was notwendig war, damit dies passierte? Der Referent hatte in seiner Zusammenfassung auch Hinweise auf Prophezeiungen und Visionen angeführt, inklusive späterer Auslegungen von diesen und Kommentare dazu. Nostradamus: ja, Nostradamus, war das nicht derjenige, der ziemlich oft zitiert wurde, wenn irgendwo ein größeres Unglück geschah, eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, genauso wie diejenige, welche im Hintergrund seiner Überlegung stand, die Endkatastrophe in seinem Traum? Der große Brand, der sich durch die Weltkarte gefressen hatte, ein vernichtendes Feuer, entfacht in Babylon, oder wie hieß diese Stadt heute? Bagdad, richtig…
Nun, da sollte doch etwas zu machen sein. Wozu war man Präsident des mächtigsten Landes dieser Zeit? Wozu hatte man die Verantwortung für den Beginn des Weltgerichts in Händen, wenn man dieser Verantwortung nicht entsprach, feige auswich? Alles fügte sich zusammen: seine Macht, die politische Lage, der innere Appell, der Traum als Aufruf. Er war Erfüller des großen, letzten Dramas. Das musste er in Demut akzeptieren.

Auch wenn ihn viele, die so ähnlich dachten und fühlten wie er, die, so wie er, begriffen hatten, ihn nicht in dieser Rolle sehen konnten. Was ihn mehr als die ironischen und verständnislosen Kommentare eines liberalen Medienklügels ärgerte, sogar verletzte, war die starrköpfig vertretene Meinung von Menschen, die er für seine Brüder im Geiste ansah, die ihn aber als oberste Staatsmacht per Definition für den Fürsten der Welt, den Antichristen (oder vielmehr seinen Stellvertreter) hielten – jedenfalls für ein Übel, und nicht, wie er von sich wusste, einen überzeugten Gläubigen ihrer Art. Er kämpfte doch denselben Kampf wie sie - sie aber betrachteten ihn als den Vertreter der anderen Seite. Und nur deshalb, weil sie jede Regierung für korrupt und durch und durch böse ansahen – ihrem Verständnis nach war er ein Teil der Gewalten, denen für eine Zeit alle Macht gegeben wurde, um am Ende der Zeiten in den Abgrund zu versinken. Wenn der wahre König kommen würde. Wenn alles anders werden würde. Richtiger, wahrhaftiger. Wenn die, die jetzt unten lagen, dort ausharren mussten, belohnt werden würden. Und die, welche jetzt obenauf waren, zerschmettert zuunterst lagen. Endgericht.
Er war obenauf. An der Spitze. Aber war er deswegen korrupt? Oder böse? Auch er bemühte sich doch um die Einlösung des Versprochenen, auch ihm erschien das in der Apokalypse Versprochene das wahre Leben zu sein. Und er hatte so viel mehr Möglichkeiten, sich um die Einlösung von weltgeschichtlichen Prophezeiungen zu kümmern, als irgendeiner der Hinterwäldlerpropheten des Nordwestens.
Das Szenario war klar: zuerst Kampf und Auseinandersetzung, dann Entrückung der Gerechten, dann die Plagen, die Zerstörung, die Umschmelzung, daraufhin Auferstehung und Gericht und das Ende der Geschichte. Vorher aber noch die tausend Jahre des guten Königreichs. Und alles fing mit dem Krieg zwischen Orient und Okzident an, zwischen westlichen Wertvorstellungen und orientalischen Despotien. Hier wartete sein Einsatz.

Energisch griff der Präsident zum abhörsicheren Telefon, sich des historischen Augenblicks bewusst. Von nun an lief es automatisch, wie vorher festgelegt. Die Zeit des Endes. Der Beginn davon.

(Als der Text geschrieben wurde, war das ganze Ausmaß der späteren Entwicklung nicht absehbar. Auch heute noch nicht. Doch leider setzt sich das fort, in wechselnder Besetzung. Diese Erzählung wurde durch die Wirklichkeit überholt, also ist sie liegen gelassen worden)