Textfragmente Engel
Es gab einen Ozean der Geschichten, davon war er jetzt überzeugt. Jedes Mal (oder regelmäßig), wenn er die Augen schloss, beim Einschlafen oder einfach so, tauchte er in ihn unter – besser: tauchte er in ihm auf. Er hatte Auftrieb, stieg vom Grund des Ozeans langsam auf, bis er zur Oberfläche kam und erwachte. Oder die Augen öffnete, aus irgendeinem äußerem Anlass.
Denn das gab es natürlich auch: das Außen. Welches nichts mit seinem Träumen zu tun hatte. Obwohl, wenn er darüber nachsann, schien es ihm manchmal, als ob die Geschichten alles durchtränkten, wie wenn in Wirklichkeit alles Erzählung war, Realität erst durch sie real wurde. Form annahm, Sichtbarkeit. Er sah, er spürte in den scheinbar äußeren Dingen der gegenständlichen Welt die Strömung der Geschichten hindurchziehen, manchmal wie ein leichtes Wassergekräusel an der Oberfläche, manchmal als sturmbewegte Wellenkämme und -täler, je nachdem. Dann kamen ihm die Dinge eher wie geträumt vor, und der Tagtraum wie real, und alles was vermischt und eins. Unterschiedliche Zugänge zur selben Sache, nur dass sich ihm diese beiden ineinander geschoben hatten und sich überlagerten.
Manchmal jedoch, in einer anderen Stimmung, kam ihm der Ozean wie ein Irrgarten vor, ein Labyrinth, aus dem herauszufinden war, und er schaffte es nicht, war gefangen. War verwickelt, bemühte sich zur sicheren Einfachheit und Klarheit der bewegungslosen Ordnung, und war im Ausgangslosen verloren. Dann verschloss er sich den Erzählungen, riss sich aus ihrem Bann los, und die Welt war wieder stumm und erlösend oberflächlich.