Literatur · Helenadreieck

Helena-Dreieck

Textfragmente Magnus

Zweifel wirft mich hin und her. Meine Erlebnisse, Erfahrungen... Sind sie gewöhnliche Krankheitserfahrungen psychotischer Art - ich habe den ICD-10 Katalog dazu studiert, einiges könnte zutreffen, doch widerspricht dem, dass ich darüber grüble und zweifle - oder drückt sich in der darin festgeschriebenen offiziellen Lehrmeinung nichts anderes als eine angstbesetzte Abwehr gegen alles aus, was den enggesetzten Rahmen der alltagstauglichen Bewusstseinsverfassung aufreißen könnte? Ist der Naturalismus, der sich darin ausdrückt, nicht eher ein Bollwerk gegen den Ansturm der Bewusstseinsüberflutung, Symptom der Furcht vor der Überwältigung durch das Chaos? “Die Schlammflut des Mystizismus“ nannte es Freud, auch einer, der sich an naturwissenschaftliche Grundüberzeugungen klammerte, obgleich seine eigene Theorie nie Anerkennung als naturwissenschaftlich erhielt…

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Der Raum der reinen Information, des überzeitlichen Wissens oder der Gedankenwelt, gleicht eher einem Markt oder einem evolutionären Kampfgebiet. Ist kein stilles Darbieten von Wissen. Information will gelesen werden, will ins Bewusstsein treten, will einen Lesenden, einen Wissenden finden. Information transformiert sich, wandelt sich, wird immer neu und anders. Information kämpft mit anderen Informationen um Aufmerksamkeit. Dadurch wird sie vielgestaltig. Die eine große, zentrale Wissenseinheit, das strahlende Licht, dem alle zustreben, verwandelt sich in bunte Gestalten. In vielscheckige Gestalten, manche mit Klauen und Hörner, manche mit schimmernden Flügeln, manche großäugig und warm. Jede Art von Licht und Wärme und Sinn und Gestalt ist da. Jede Art von Musik und Geräuschen und Ton und Wellen und Druck und Zerren. Kreischen und Klirren, Dehnen und Sehnen. Information drängt sich auf, sie bietet sich in jeder Gestalt dar, in der sie erscheinen kann, in der sie offenbar wird. Offenbarung für jemanden wird. Und zack, wird sie durch die nächste Erscheinung beiseite gedrückt, noch prächtiger, noch reicher ausgebildet, noch interessanter. Information ist wie ein Ozean von Lebewesen, die ihre Chance nutzen , in Existenz zu treten und zur Information für jemanden zu werden. Der Raum der Information ist endlos, und endlos variiert in sich. Hüte dich vor dem Ertrinken im Ozean. Hüte dich davor, zerrieben zu werden, absorbiert und in Beschlag genommen zu werden. Hüte dich!

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Wir alle sind Mitglieder in einer Geheimorganisation, ohne es zu wissen. So geheim ist sie. Wir befolgen Befehle, die aus dem Dunkeln kommen, aus unserem eigenen, doch da aus dem Dunkeln, wie weit reicht dieses, wo endet es? Wir wissen nicht einmal, dass wir Anweisungen folgen, oder bestimmst du etwa, was dir durch den Kopf geht und wie du fühlst? Weißt du etwa, woher deine Gedanken kommen, woher deine Meinungen stammen? Ansatzweise vielleicht. Aber durch und durch? Du bist an unsichtbaren Fäden gebunden, die irgendein unbekannter Marionettenspieler in Händen hält. Wie du auf etwas reagierst, hängt doch gar nicht von dir selbst ab (oder du verstehst unter „selbst“ etwas anderes), denn du reagierst abhängig von einer Kette von Ursachen, deren Beginn im Dunkeln liegt. Was aber liegt dort im Dunkeln? Davor solltest du dich fürchten. Davor habe ich selbst Angst. Als mein kleines Selbs im erhellten Kreis des eigenen Lichts.

Vielleicht ist diese Geheimgesellschaft, deren unwissende Mitglieder wir sind, ja eine verbrecherische. Vielleicht hat sie Ziele, die ich nie unterschreiben würde, weil sie allem zuwiderlaufen, was ich für gut halte. Vielleicht aber bin ich selbst der Saboteur von dem, was ich an der Oberfläche – meinem Oberstübchen, wie man so schön sagt – richtig und gut finde. Vielleicht ist das, was ich für gut halte etwas, was nicht richtig ist, was so nicht sein sollte. Ich jedenfalls steige aus. Ich möchte nicht mehr an Fäden aus dem Unbekannten zappeln. Ich schneide sie ab. Kappe alle Verbindungsstränge – zu wem?

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Zuerst war ich darauf aus, mich von allem zu befreien, was mich einschränken wollte. Einschränkung war für mich eine große Zumutung. Niemand, nichts sollte mir etwas zumuten. Was ich nichts selbst frei und willig gab. Also wehrte ich ab. Wehrte ab, was sich aufdrängte. Wehrte ab, was mich zu sich hinüberziehen wollte, mein Einverständnis forderte. Den Konsens brauchte ich nicht, nicht um das Opfer meiner Eigenständigkeit willen. Und Konsens mit denen, die sich mir anschlossen? Wer braucht schon Sklaven, Nachplapperer, Gefolgsleute - ein solcher Narzisst bin ich nicht.

Dann wollte ich mich ebenso wenig von abstrakten Konzepten fesseln lassen, von Erklärungsmustern, Schemata, von sturen Gewissheiten, wie die Welt läuft und aussieht. Ideologien warf ich auf einen Haufen und verbrannte sie. Was aber dann? Was blieb noch übrig?

Ich hatte einen Gedanken: Was, wenn es einen (hypothetischen) Stoff gäbe , wie aus Nebel, der sich zu allem formen ließe, sich in alles verwandeln und in jede Form gießen lässt. Das gäbe mir dann Werkstücke in die Hand, mit denen ich etwas aufbauen kann, mir eine Welt zusammenbasteln kann. Doch jeder dieser Welten stellt sich als Gefängnis heraus, denn einmal geformt, bleibt sie so, wie sie ist, rollt weiter fort, nach den Gesetzen, unter denen sie angetreten ist. Alle anderen Möglichkeiten, die ebenso in dem formlosen Nebelstoff gelegen wären, die gibt es nicht mehr. Das einmal geformte, realisierte, schließt alternativlos andere Welten aus, die möglich gewesen wären. Warum aber diese Welt, und nicht jene? Und wenn jene, warum nicht eine völlig andere?

Ich konnte keine der möglichen zu denkenden Welten für besser oder schlechter halten, oder, grundlegender, überhaupt für akzeptabel. Deswegen kam ich zu dem Schluss, auch den Urstoff selbst für etwas zu halten, was besser abgeschafft werden sollte. Besser keine Existenz, als eine beschränkte, festgelegte, entweder zu geordnet oder bloß zufällig. Im Namen der absoluten Freiheit also Nichtexistenz

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Die Philosophen-Frage, „Warum ist überhaupt Seiendes, und nicht Nichts?“ (Was den Mathematikern zufolge viel wahrscheinlicher wäre), wird meiner Meinung nach falsch angegangen. Beantwortet kann sie sowieso nicht werden. Nicht wirklich. Aber das Ergebnis solcher Befragung ist meistens Jubel. Entzücken. Darüber, dass es dieses Unwahrscheinliche gibt. Das Seiende. Die Existenz. Und deshalb Dankbarkeit. Dass Seiendes ist, ist gut.

Und nun mein Warum – Warum? Warum sollte es gut sein, dass etwas ist? Wäre das Gegenteil davon nicht viel besser? Klar, dann gäbe es auch diese Frage nicht. Kein Sprechen darüber und auch keine Sprache dafür. Nichts von alledem. Nicht einmal Ruhe davon gäbe es, kein Ausstieg von irgendwas. Auch kein Nichts gäbe es. Nada. Und das wäre gut.

Obwohl es auch kein Gut gäbe. Doch von hier aus betrachtet, von dem, das etwas ist, Existenz ist, wäre das Nichts dem Etwas vorzuziehen. Eindeutig. Dieser Gedanke hat mich erschreckt, als er zum ersten Mal für mich so deutlich aufgetaucht ist. Kein neuer Gedanke, ich gebe es zu, schon in der Antike sagte jemand (habe es irgendwie im Ohr): „Besser als das Sein wäre das Nicht-Sein. Besser als das Geboren werden das Nicht-Geboren werden.“ Oder so ähnlich. Das könnte ich unterschreiben.

Laufe ich deswegen anders umher als die meisten, weil für sie unvorstellbar wäre, nicht zu sein? Genauso unvorstellbar übrigens, wie der Gedanke, dass sie eines Tages wirklich nicht mehr sind. Oder dass alles nicht mehr ist. Denn die Welt dreht sich doch weiter. Denken sie. Wenn sie denken. Die meisten sind ja gute Verdränger. Und so verdrängen sie auch, was es alles mit sich bringt, dass die Welt existiert. Ich kann das nicht. Nicht mehr. Mir drängt sich auf, was existieren bedeutet: Unstillbares Verlangen, Hunger, Qual, Leid, Schmerz, verschlungen und gefressen werden, fressen und verschlingen. Nein, danke.

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Ich verstehe jetzt, dass wir die Tür hinter uns zugeschlagen – und gleich darauf auch den Schlüssel weggeworfen haben. Zu furchtbare Gewalten lauern da draußen. Nicht zu ertragen, was sich bei geöffnetem Spalt hineindrängen möchte. Unser Verstand ist schön einfältig eingerichtet, ist auf das ausgerichtet, was uns im Alltäglichen funktionieren lässt, ist nicht auf das Erfahren der ganzen Wirklichkeit hin konzipiert. Wir scheinen in unserem Schädel eingesperrt und daher auch geschützt zu sein, und nichts kann uns wirklich beunruhigen. Denn wir sind dadurch immer Herr der Lage, halten uns alles – das überwältigende Alles – auf Distanz. Die normalen Sinne zeigen uns nichts, was wir nicht verkraften könnten. Sie zeigen uns nur, was wir irgendwie schon kennen gelernt haben und in unser Weltbild einordnen können.

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Ich stelle mir den magischen Ort in Anatolien so vor, dass dort das erste Mal der Versuch gestartet wurde, ein Gesamtkunstwerk einzurichten. Von überallher kommen die kleinen Gruppen von Jägern und Sammlerinnen mit ihren Kindern und tierischen Begleitern und versammeln sich auf der flachen Kuppel der Anhöhe, an deren Fuß die vier Wunderquellen entspringen. Wie jedes Jahr beginnt ein Tanzen um den Ort, die menschliche Stimme in ihrer wunderbaren Vielfalt und gleichzeitiger Monotonie, begleitet von rhythmischen Trommelschlägen auf alles, was Resonanz bietet, treibt die Reihe um im Reigen, der Ort ist gesegnet, der Ort wird gesegnet. Dann das harte Arbeiten am verborgenen Tempel, eine neue Höhle soll entstehen, der Schoß der Erde wird geöffnet. Die Steinmetze brechen den T-förmigen Pfeiler mit ihren Steinkeilen aus dem Felsen, noch während der Spalt zum Muttergestein vergrößert wird, erscheint schon auf der Vorderseite der Stele das Bild der Schlange und das des Geiers, Künder des Todes und der Verwandlung. Fleisch wird Aas, Gift tötet, und doch schlüpft aus der alten Schlange eine neue, nur die Haut bleibt zurück, und während der Totenvogel weiterfliegt, kehrt die Seele ins eigentliche Land zurück.

Jahr für Jahr diese Versammlung, sie ist zum festen Bestand der umliegenden Landschaften geworden, Gruppen wechseln sich ab, schon länger Dagebliebene brechen zur Jagd auf, neue Menschengrüppchen schließen sich dem Werk an. Und immer der Tanz, die Musik der Stimmen und Trommeln, das Eins werden im Rhythmus des Reigens. Für die Bleibenden ist ein neuer Brauch eingeführt worden, der Samen der Essgräser wird unten am Hangende in die fruchtbare Erde gebracht, wenn die Zeit kommt, kann hier reichlicher geerntet als sonst werden, für den Säer selbst, bei seiner Wiederkehr, oder für einen anderen, der an seine Stelle tritt. Wie sonst könnten so viele Münder an ein und derselben Stelle über so lange Zeit Nahrung finden? Und dass das möglich ist, beweist sich hier.

Lass das ein Jahrtausend lang so weitergehen, und es hat sich hier ein Fokus installiert, der einen neuen Umgang mit der Natur vorlebt. Er strahlt noch Norden. Osten Süden, Westen aus und wird die Welt grundlegend verwandeln. Nicht nur die menschliche. Wie man heute sieht, auch die dem Menschen dadurch untertan gewordene Natur.

Ein Fokus ist installiert worden, dessen Wirkung konzentrische Kreise zieht, unmerklich fast im Leben der Einzelnen, gravierend in Generationen und Generationen gedacht. Sich ungeheuer beschleunigend heutzutage. Was soll ich dann von den anderen Versuchen in Sache Gesamtkunstwerk sagen? Wagner fällt mir natürlich ein, aber auch Arts und Kraft und wieder bin ich bei Skrjabin.

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