Textfragmente Johannes
Mein großer Plan: Ich werde mir in Ligurien – an der Steilküste zum Meer – ein kleines Bauernhaus kaufen, mitsamt einigen Olivenbäumen, und dort mein neues Leben beginnen. Ellen werde ich vor vollendete Tatsachen stellen, sie kann dann nicht Neinsagen, darf nicht Neinsagen. Sie sieht ja dann, dass es mir ernst ist, dass ich nicht nur träume, sondern auch handle. Alle Brücken abgerissen, das sollte doch als Beweis genügen. Im Internet habe ich etwas gefunden, sieht ein wenig verwahrlost aus, aber der Verhandlungspreis ist günstig und die Lage scheint ideal zu sein, dem Ausblick auf die Landschaft und das Meer nach, den ein Foto zeigt, und auch nach dem, was ich auf Google-Maps gefunden habe – obwohl ich dem Standort dort nicht sehr nahe kommen konnte, liegt halt sehr abgelegen. Bleibt nur das Problem der Finanzierung – aber zu was bin ich im Finanzgeschäft und meine Frau ist Bankerin? Zusammen sollten wir kreditwürdig genug sein – nur darf sie von dieser Kreditaufnahme eben nichts erfahren. Das verlagert das Problem.
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Ich folge mit meinem Blick einer vorbeigehenden Schönheit: schlank, aufrecht, schwingend, Tiergang und Menschenstolz perfekt vereint. Das Ideal des Weiblichen. Und wahrscheinlich auch ein sympathischer Mensch, es Wert, angesprochen zu werden. Was ich natürlich nicht mache. Bin ich denn einer der von mir verachteten pralldummen Jungs? Mein Blick folgt der schon fast entschwundenen jungen Frau, und ich merke in mir, dass ich diese gar nicht meine. Mein Blick meint Ellen. Meint immer nur sie. In jeder Frau sucht mein Blick Ellen. Bin ich denn verhext? Geschlagen jedenfalls. Tragisch verknotet. Unentrinnbar.
Wäre ich Alexander der Griechenfürst, ich wüsste, wie diesen Knoten lösen – ein Schwerthieb genügte. Aber es wäre Gewalt gegen mich. Ich stecke in diesem Knoten. Ich selbst bin der Knoten.
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Was mache ich hier?
Dunkelheit, Kälte, Angst - wenn ich mir einen Ort vorstellen soll, von dem ich flüchten möchte, dann wären dies seine Kennzeichen. Er ist dunkel. Kalt. Und mich überflutet reine Angst. Vor dem, was vielleicht im Finstern lauert oder durch meine Phantasie heraufbeschworen wird. Ich muss tief in meiner Erinnerung graben, um dort etwas zu entdecken, was daran, als Quelle dieser Ängste, rührt. Und ich glaube, ich habe es in einem Erlebnis gefunden, das ich hatte, als ich noch nicht zur Schule ging. Mein Bruder und ich - er überredete mich wohl dazu - stiegen in einen aufgelassenen Luftschutzkeller hinab, das Verbotsschild großspurig missachtend, um uns bei Kerzenschein als Forscher zu fühlen und ein wenig zu gruseln. Was ein irgendwie schönes Gefühl ist, spannend in seiner Zwiespältigkeit: mulmig und heldenhaft zugleich. Doch dann lief mein Bruder plötzlich nach draußen und schlug die Tür hinter sich zu. So war er manchmal. Er wusste, was mir Angst machte. Die Kerze war durch den Luftstoß der zuschlagenden Tür erloschen und ich stand in der lichtlosen Schwärze. Ich war erstarrt, konnte mich nicht rühren, wagte keinen Schritt, nicht einmal zur rettenden Tür. Die Dunkelheit wuchs spürbar. Die Dunkelheit verbarg Schreckliches. Und ich merkte jetzt auch, wie kalt es hier war. Das alles muss sich mir tief eingeprägt haben, hinter der Barriere des Vergessens findet sich noch ein jäh aufsteigendes Gefühl, plötzlich stehe ich wieder im finsteren Gang. Wie sich diese Situation dann aufgelöst hat, daran habe ich allerdings keine Erinnerung; bereute mein Bruder seinen Streich und kam zurück, hat mich jemand anderes erlöst, war ich gar nicht gefangen, wie ich in meiner Panik dachte und konnte ungehindert durch die Tür ins Freie entkommen? - ich weiß es nicht mehr.
Wie wahrscheinlich jeder habe ich eine Vorliebe für hellstrahlendes Sonnenlicht, wohltuende Wärme, befreiende Freude - aber für mich reicht es aus, zu wenig davon zu haben, um mich ungetröstet einsam zu fühlen, abgeschnitten von dem, was ich zum Leben brauche. Kann es sein, dass es dieses Erlebnis war, welches mir die Sehnsucht danach so tief eingepflanzt hat? War es so, dass ich damals zum ersten Mal die Ahnung verspürte, wir sind ausgesetzt in eine unwirtliche Welt? Auf Dauer jedenfalls könnte ich es nicht ertragen, in einer überwiegend düsteren, frostkalten, freudlosen Umwelt zu existieren, wie ich mir zum Beispiel den Winter nahe des Polarkreises vorstelle - aber so weit muss meine Fantasie nicht reisen, um eine solche Situation vor Augen zu haben. Hier, bei mir, bin ich schon viel zu lange in einem ähnlichen Zustand gefangen. Wer nur hat die Tür zugeschlagen, war ich es selbst? Blindheit, distanzierte Kühle, Stress - unter anderem Namen taucht dasselbe Angstgespenst wieder auf. Die ewige Klagelitanei über mein reales Leben lässt sich in diesen Worten zusammenfassen.
Was nur mache ich hier, an diesem Ort, meinem Büro in der Kältemaschine Bankinstitution, weit ab von dem, was mich wirklich interessiert, was mir wirklich Freude macht? Mit wieviel Blindheit muss ich mich selbst verdunkeln, um hier sein zu können? Blindheit gegenüber dem, was wir tun? Ich weiß, ich mache mich durch diese negativen Gedanken selbst zum schlechten Banker, das ist mir klar - schaue ich aber auf die guten Banker, auf die, welche auf der Karriereleiter an mir vorbei geklettert sind, mich überholt haben, dann bin ich über meine gefundene Nische froh, in der ich einigermaßen unbehelligt vor mich hin dauere, ohne mich groß verbiegen zu müssen. Was allerdings auch wieder Unbehagen und damit Stress bedeutet, denn nichts währt ewig, auch nicht der wohleingerichtete Stillstand. Und die neuen Besen in der Konzernspitze, die ihre Tatkraft beweisen müssen, haben schon Sparmaßnahmen angekündigt, einen Umbau zur Steigerung der Effektivität, und dass alle Abteilungen auf den Prüfstand gestellt werden sollen, auch meine. Was könnte das für mich bedeuten? Mich wundert's schon lange, das niemand durchschaut, wie wenig ich hierher passe. Sitzt meine Maske so perfekt? Oder ist sie vielleicht schon mein eigentliches Gesicht geworden, verbirgt nichts, was von ihr zu unterscheiden wäre? Jedenfalls trennt ein tiefer Graben mich und meine Kollegen; Freunde habe ich unter ihnen nicht. Nicht ein einziger mit dem ich mich über das, was mich wirklich bewegt, unterhalten möchte. Deswegen brauche ich Ellen. Brauche sie so stark und unbedingt. Sie gibt mir das, wonach ich mich sehne: Licht, Wärme, Zuneigung. Sie selbst ist das alles. Und ist der einzige Mensch, neben meinem Seelenmasseur Cosmas, mit dem ich über meine Situation reden kann. Meine Frau fällt ja leider aus. Christina versteht mich nicht, versteht nicht einmal, dass sie mich nicht versteht.
Kein Wunder, dass ich mich in die Fantasie eines ganz anderen Lebens stürze, weit weg von hier. Weg von diesem zweckmäßig eingerichtetem Raum, aus ausschließlich edlen Materialien, so gediegen wie karg und herzlos unpersönlich, gedämpft in allem. Jeder Effekt soll zeigen: Hier ist ihr Geld in guten Händen. Wir sind so solide und werthaltig wie unser Bau. Mit seinen spiegelnden, makellosen Flächen aus Glas, verchromtem oder gebürstetem Metall, poliertem Granit, seinen glatt versiegelten Hölzern, dem grauschattierten Teppichboden und der distanzierten Neutralität, ja Nichtigkeit des Designs. Gleichzeitig allgemeingültig, wie ein logischer Gedanke, und emotional steril. Und wie der uniforme Dresscode der Manager, ihr typischer dunkler Anzug, ein hellweißes, zugeknöpftes Hemd mit Kragen und einer dezente Krawatte dazu, von allen als selbstverständlich angesehen wird, so bezweifelt niemand, dass eine Bank so auszusehen hat. Deshalb ist mein Zimmer unterkühlt und farblos - wie das meiste in meinem Leben.
Ganz anders jedoch meine erträumte Welt: Weit weg von hier unter südlicher Sonne ein Garten, bepflanzt mit Olivenbäumen, und ein altes Haus inmitten des Gartens. Diese Welt ist erdig und ungeglättet, riecht nach feuchtem Moos, schmeckt nach Harz und Rinde, meine Finger finden genug zu tun, wenn sie über raues Bruchsteinmauerwerk tasten, meine Augen sättigen sich an Farbnuancen aller Art. Mein Ohr erfüllt Vogelschnarren, - knarren, - keckern, - zwitschern und andere Laute aus dem Katalog der Vogelgeräusche, erfüllt Bienenschwirren und das Summen von Hummeln. Ich stehe mittendrin, umarme einen hundertjährigen, knorrigen Olivenbaum, spüre unserer Verwandtschaft nach und spüre mich selbst. Mit ihm unterhalte ich mich manchmal besser als mit den Schemen, die mich hier umgeben. Der Garten ist ein Duftparadies: Thymian, Lavendel, Liebstöckel, Salbei wachsen wie zufällig überall, wo sie gedeihen können. Alle meine Sinne werden angesprochen, alle Wesen im Garten wollen mir wohl und neigen sich mir zu, ja die ganze umgebende Landschaft schließt sich dem an. Eine Symphonie des tausendfältigen Lebensjubels erklingt von überallher. Meine Olivenpresse, in einer Auktion erworben, ist fast so alt wie die Bäume des Gartens. Das Öl aus der Presse wird mir reißend abgekauft, nur ausgesuchte Läden führen es, es ist ein Geheimtipp für Kenner. Und Ellen teilt mit mir dieses neue, verjüngte Leben, sie ist an meiner Seite, ist auf meiner Seite, auch sie hat es gewagt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ein neues anzufangen. Wir sind keine Aussteiger, wie die Kollegen wohl sagen würden, wir sind Einsteiger. Einsteiger in unser eigentliches Leben. So mein Traum. Wird er irgendwann wahr werden?
Manchmal kommen mir Zweifel. Und kommt Verzweiflung dazu, das Übliche. Vor allem dann, wenn ich um vier Uhr morgens aus einem unruhigen Schlaf auffahre und weiß, es wird nichts mehr werden mit weiterschlafen, bis kurz vor der Weckmelodie werde ich mich hin und her wälzen, unfähig, der Schlaflosigkeit zu entkommen. Die Schreckensmonster der Kindheit plagen mich nicht mehr - auch damals schon habe ich schlecht geschlafen - doch dafür neue Geister. Das Gespenst des verfehlten Lebens. Der Horror der Nichtigkeit, der Sinnlosigkeit. Die Last der Lebenslüge. Die Auflösung aller tröstlichen Hoffnungen. Der Kälteschock und der Fall in die Öde. Was nur mache ich hier, gibt es kein Entkommen?
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Verrat ist eine schmerzende, offene Wunde. Sie schließt sich nicht, weil ich immer wieder nachbohre: Wie war es möglich? Wie konnte ich so blind sein? Liege ich so falsch mit meinem Bild von dir, von mir, von uns? Habe ich Zeichen übersehen, Signale nicht beachtet? War alles von Anfang an anders, als es in meinem Erleben war? Gibt es vielleicht gar keinen Verrat – von dir aus gesehen - da nichts war, was verraten werden konnte?
Für mich jedenfalls kam es wie aus heiterem Himmel. Traf mich wie ein Schlag, hinterrücks, aus dem Hinterhalt. Wir waren doch eins, waren verschmolzen, bewegten uns in der gleichen Bewegung, synchron, auf derselben Bahn, wie ein verschränktes Eislaufpaar auf der Eisfläche. Ich floss in dich und du in mich, wir vermischten uns, wer kann nach einiger Zeit der Vermischung zwei Flüssigkeiten noch auseinanderhalten – sie sind eins geworden. Waren wir daher eher wie Wasser und Öl? Diese trennen sich nach der Durchmischung wieder, sind zu unterschiedlich, scheiden sich wieder. Habe ich einfach nicht bemerkt, dass ich Wasser bin, du aber Öl? Habe ich dich für Wein gehalten, mit dem die Mischung ja unaufhebbar ist? Lag es also an meinem Mangel an Durchblick, an Einsicht? Öl verrät nicht das Wasser, schwimmt es nach einiger Zeit wieder zusammengeflossen obenauf. Es begeht keinen Verrat, da es seine Art ist. Man kann es ihm nicht vorwerfen. Das Wasser soll sich nicht beklagen.
Aber ich beklage mich. Und ich klage dich an. Ich schreie, wüte, stampfe auf und schlage meinen Kopf an die Wand. Ich bin kein Waser, kein physikalisches Ding, und du bist kein Öl, ich bin ich und du bist du, und du hast mich verraten! Es schmerzt. Tief und tiefer noch. Und lange…
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Einmal ging ich am Strand spazieren. Kein hellweißer, anschmiegsam nachgiebiger Sand: kleine und größere Kiesel und scharfkantige Muschelbruchstücke drückten sich in den bloßen Fuß. Doch war es auf andere Weise ein Erlebnis: die Schaumkronen der Wellen verblieben eine Zeitlang auf den Steinen, markierten die Grenze zwischen den Elementen, den Übergang, und dort, wo das Wasser abgelaufen war, glänzte und funkelte es in den verschiedensten Farbnuancen. Grüngräulich, rotschwärzlich, weiß mit bläulichen Adern und glimmernden Silberfarben. Wie kostbare Edelsteine schienen mir die Fundstücke. Begeistert sammelte ich auf, was mir ins Auge fiel, bis sich meine Taschen füllten. Warf weg, was ich schon hatte, wenn ich ein noch schöneres Exemplar fand. Zuhause legte ich meine Schätze auf der Fensterbank aus, vergaß sie dann. Am nächsten Tag fiel mein Blick auf eine Reihe unscheinbar grauer Kieselsteine und ich verstand nicht mehr, wieso ich diese eingesammelt und warum ich mich so darüber begeistert hatte. War das die wahre Erscheinungsform der Kiesel, ihre Alltagsgestalt, und der Glanz am Vortag war nur illusionären Schein? War ihr bunter Zustand ihr eigentümliches, sonst verborgenes Geheimnis, durch einen glücklichen Umstand ans Licht gebracht?
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Meine kleine Terrasse umhüllt mich wie ein Nest, die Hauswand im Rücken und an der linken Seite, rechts das Mäuerchen und nach vorne der Durchgang in den schmalen Garten, über mir das Pergolagestänge mit den Weinranken. Schaue ich über den Nestrand, weitet sich der Blick ins Offene, in die felsige, gebüschüberwachsene Landschaft und den Himmel, mit der Ahnung des Meeres. Die Sonne löst sich erst allmählich aus dem Morgendunst, der vom Meer aufgezogen ist, das Licht ist noch so unbestimmt und sanft, dass es mir lichter und innerlicher erscheint als später am Tag, wenn die Konturen der Dinge in fast unbarmherziger Klarheit gezeichnet werden. Doch jetzt kann ich noch in die Weichheit der Luft eintauchen und mich selbst in die Atmosphäre ausfließen lassen. Diese Morgenstunde liebe ich; diese Morgenzeit brauche ich, um mich ganz mit meiner Existenz auszusöhnen.
Zwar wache ich noch immer viel zu früh auf (hier allerdings ein Vorteil, denn so versäume ich nicht diese Stunden), doch schlafe ich inzwischen durch, obgleich ich manchmal noch damit kämpfen muss, in den Schlaf zu kommen.
Gestern war das allerdings kein Problem. Gestern bin ich todmüde in mein Bett gefallen, war sofort weg, abgetaucht in eine Fast-Bewusstlosigkeit, ohne Einschlafqual, ohne Schlafunterbrechungen, ohne die üblichen Alpträume. Die ungewohnte Arbeit am Haus strengt mich an, doch tut sie mir offensichtlich auch gut. Vielleicht renkt sich ja doch etwas ein, was ausgerenkt war, kommt ins richtige Geleis, was entgleist war. Harmonisiert sich, was aus dem Gleichgewicht geraten war. Wenn ich Glück habe und das Wetter so bleibt wie bisher, war es vielleicht doch nicht die schlechteste Idee, hierher zu kommen und mein Unternehmen trotz alledem zu starten.
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Heuschnupfen plagt. Ich sitze hier inmitten der Kräuterfülle, die Luft sollte gewürzt sein von ihrem Duft - und meine Nase ist verstopft, ist außer Dienst. Welche traurige Verschwendung der Düfte – mein Sinn dafür ist ausgeschaltet. Gottseidank werden dafür andere Sinne nachdrücklich angesprochen: durch das Dauerkonzert der Vogelstimmen, das Flügelschwirren ihrer flinken Flugmanöver, durch die summende Geschäftigkeit von Bienen und Hummeln, dem allem unterlegten sirrenden Rauschen ihres Umherschwärmens und durch die augenfällige Pracht unzähliger Blütenstauden, umflattert von lichtleichten Schmetterlingswesen – ich bin umgeben von Sommer und Überfluss.
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Die dünnen Wasserperlenfäden wurden stärker, rauschten mächtiger auf, während sie wie ein weithin ausgebreiteter Duschstrahl auf den Boden zustürzten. Die Bäume regten sich kaum, nur ein vereinzeltes hin- und her nicken war zu beobachten, ein Wiegen im Wasserstrahl, kein sturmgepeitschtes Flattern. Keine Windböen. Der Geruch von Erde und nassem Laub wurde durchdringender. Mal schwoll das ständige Prasseln an, mal ebbte es ab, und schon funkelte das wiederkehrende Sonnenlicht auf Tropfen, die sich im Gras sammelten, an den Zweigen und Blättern aufglänzend entlang liefen. Bald sollte man einen Regenbogen sehen können, dachte Johannes, doch dazu zeigte das Fenster den falschen Himmelsauschnitt. Er sah genau in Richtung der durch die Wolken durchbrechenden Sonne, nicht in Richtung der davonziehenden Wolkenwand.
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Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich, wie etwas von mir gewichen ist. Ein Druck. Eine erdrückende Last. Ein Gewicht ist fort, welches die letzten Jahre auf mir gelastet hat, erst jetzt spüre ich, wie beschwerend alles für mich gewesen war. Ich war hoffnungslos eingekeilt in einen Verhau, in den ich irgendwie, irgendwann geraten war. Verheddert und verstrickt.
Gab es einen Abzweig, ab dem ich vom Weg abgekommen bin? Ich kann mich nicht erinnern, kann den Moment nicht identifizieren, ab wann ich mich verirrt hätte. War es der erste Blick auf Ellen, damals, als ich sie zum ersten Mal aufgesucht hatte? War es, schon viel früher, mein Entschluss, mich mit meiner Frau zusammen zu tun, mit dem Gedanken, dass mir wahrscheinlich nichts Besseres mehr begegnen würde, Torschlusspanik nennt man so etwas? War es etwas noch weiter in der Vergangenheit liegendes, welches mich zu dem gemacht hat, der bei allen diesen Entscheidungen nicht anders konnte?
Von mir heute aus gesehen kommt es mir jedenfalls so vor, als ob ich von einem Weg abgekommen wäre. Meinem Weg. Verirrt und schließlich verloren. Mir selbst verloren. Wo heißt es so schön „ich bin mir selbst abhanden gekommen“? – weiß nicht mehr, doch es trifft zu.
Andrerseits: Habe ich mich jetzt wiedergefunden? Bin ich der, der ich jetzt bin? Oder ist es doch nur eine weitere Kostümierung, ein anderes Scheinselbst, bloß ein leichteres, nicht so bedrückendes? Nein, das kann nicht sein, denn es ist auch ein tieferes. Und tiefer heißt doch wohl, mit mir selbst verbunden, verankert in meiner eigenen Tiefe. Wenn ich wirklich Tiefgang habe – das ist mir aber ebenso eine Frage. Tausche ich nur Illusion gegen Illusion aus? Die Illusionen, die ich mir über meine Fähigkeiten, Erfolge und Beziehungen gemacht habe gegen die Illusion, bei mir selbst angekommen zu sein, als ob ich wüsste, was mein Selbst ist und dass ich überhaupt ein eigentliches solches habe? Seelenruhe – was für ein tiefgängiges, stilles Wort, und wie passend zu dem, wie ich mich nun fühle.
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Ich kann mich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern, an dem ich aufgehört habe, mich in Tagträumen zu verlieren. Aber ich erinnere mich an den Morgen, an dem ich dies bemerkte. Ich war in völliger Gegenwart. Und kein Traum begleitete mich und führte mich fort. Führte mich aus der Gegenwart in ein Irgendwo anders, weil mir die Gegenwart nicht genügte. Nun genügte sie mir. Das blanke, oberflächliche Jetzt, nicht erhöht, nicht vertieft, und doch alles. Ein Wunder.
Ein intensiveres Jetzt als die grauen, sterbenslangweiligen Jetztmomente zuvor, die mich immer davongetrieben haben. Wie ich auch sie immer vertrieben habe, mich immer nach einem rettenden Strohhalm haben greifen lassen, nur um ihnen zu entgehen. Den Strohhalm des Musikgedudels aus dem Radio, oder den Strohhalm der Tageszeitung vom Nebentisch im Café, die ich sehnsüchtig ausgespäht hatte, und, sobald der zeitweilige gegenwärtige Besitzer sie aus der Hand legte, stand ich auch schon neben ihm und fragte danach. Höflich, mein inneres Eifern zügelnd, ob ich vielleicht… Seinerseits höflich überlies dieser sie mir meistens, und ich konnte mein graues Jetzt, dieses entsetzliche blanke Nichts, damit vertreiben.
Doch ist es schwierig, in dieser reinen Gegenwart zu bleiben. So schwierig, wie in einer Meditation (so wie es empfohlen wird) einen Gedanken festzuhalten und in ihm zu verbleiben. Denn ein Gedanke führt zu einem anderen, ein ganzes Gedankengespinst entwickelt sich daraus, Assoziationsketten schießen empor, reihen sich auf, und schwupps ist man ganz woanders. Tausende Wege führen aus der Gegenwart in die Zukunft oder zurück in die Vergangenheit, tausend Pfade der Sorge oder der Hoffnung. Der wehmütigen Erinnerung, der Schuld, der Enttäuschung. Der in sich geschlossene, in sich ruhende Kreis der sich selbst genügenden Gegenwart zerfasert allzu leicht, löst sich auf, wie ein Zigarettenrauchgekräusel in der leichtesten Brise.
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Der Segen der Bäume ist unmittelbar spürbar. Wie sie dich umfangen. Wie du dich in ihre Kühle retten kannst, aus der brennenden Sonne unters Schattendach. Ins Reich der tanzenden Lichtflecken, dem Reich von Strahlenbahnen und Schattenwurf, wie dunkle und hellleuchtende Zwillinge ineinander verschränkt. Ihre sanfte Feuchtigkeit umdunstet dich, erfrischt dich, sie sind die Hüter des kleinen Quellbrunnens, der als Wasserrinne zwischen ihnen angelegt wurde, um dem Auge zu gefallen und den Garten zu begrünen.
Die Mauer, die den Gartenhain einschließt, sei du selbst. Du bist wie sie der Hüter deines innerlichen Wachsens. Sei dein eigener Gärtner, der ermutigt und beschneidet, düngt und ausgräbt. Halte die Ordnung des Gartens in dir. Und lass ihn gedeihen und wachsen.
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